Brembo GR-PRO MTB Bremse
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Fotos (teilweise): Mountain Bike Connection Winter – Rupert Fowler & Mirror Media
Eine groß diskutierte Ankündigung der letzten Saison: Brembos Einstieg in den Downhill Worldcup. Nach ersten Prototypen und intensiver Entwicklung mit dem Specialized Gravity Team präsentiert der italienische Bremsen-Spezialist nun mit der GR-PRO die erste serienreife Mountainbike-Bremse. Wir haben uns die technischen Details genau angesehen und verraten im ersten Fahreindruck, was das System aus der MotoGP auf dem Trail bringt.
Technische Informationen Brembo GR-PRO
Geber mit drei Verstellmöglichkeiten
Der „magische“ Exzenter
Bremssattel
Bremsscheibe
Bremsbelag
Bremsleitung & Mineralöl
Ob in der Formel 1, der MotoGP oder im Rallyesport: Wer an High-Performance-Bremsen denkt, kommt an Brembo nicht vorbei. Seit der Gründung 1961 hat sich der italienische Konzern – mit Sitz in Bergamo – eine Spitzenposition gesichert. Mehr als 1.000 Motorsport-Meisterschaftstitel gehen auf das Konto von Brembo-Systemen. Über die Jahre wuchs das Unternehmen durch diverse Zukäufe zu einem Giganten der Mobilitätsbranche – unter anderem mit Öhlins (2025).
Es überrascht daher wenig, dass Brembo schon länger ein Auge auf den Mountainbikesport warf. Der Einstieg erfolgte mit dem Kauf von Öhlins durch eine spektakuläre Partnerschaft: Das Specialized Gravity Team setzte im Downhill-Worldcup auf Prototypen der Italiener. Das Ziel war klar: Man wollte nicht einfach nur eine weitere Bremse bauen, sondern die eigene Racing-DNA in die MTB-Welt transferieren. Nach einer Saison voller Daten, Feedback und Siegen (immerhin fuhren Loic Bruni und Finn Iles damit) wird nun die Serienversion enthüllt: die GR-PRO.
Bei der BCW in Massa Marittima konnten wir exklusive Insights zur neuen Bremse sowie einen ersten Fahreindruck für euch sammeln.
Brembo GR-PRO MTB-Bremse
Die erste offizielle Brembo-MTB-Bremse trägt den Namen GR-PRO und weiß aufzufallen – in typischem Brembo-Rot leuchten Geber und Sattel. Die Devise lautet: „Max Power & Control. Tailored Fit. Unparalleled Consistency.“
Hierbei soll es sich um ein durchdachtes Gesamtsystem handeln, welches aus einem 2-teiligen geschmiedeten Bremssattel, einem ebenfalls geschmiedeten Geberzylinder, Stahlflex-Leitungen, ausgewählten Belägen, Bremsscheiben und einer eigens entwickelten Mineralöl-Mischung besteht.
In einem exklusiven Gespräch mit Brembo wurde klar: Dieses System soll nicht nur stark verzögern, sondern vor allem kontrollierbar sein.
„Eine extrem starke Bremse, die schwer zu dosieren ist, schadet dem Selbstvertrauen des Fahrers“ – Brembo
Daher steht eine konsistente Performance im Fokus – also das gleichbleibende Gefühl und die gleiche Verzögerung, egal ob die Bremse nach einer langen Abfahrt 100 Grad heiß oder morgens kalt ist.
Der kantige, rote Geber fällt direkt ins Auge.
Und auch der Sattel kommt im typischen Brembo-Rot.
Steckbrief Brembo GR-PRO
| Sattel | 4 Kolben à 18 mm Durchmesser, 2-teilig geschmiedet |
| Geber | 9 mm Kolben, Geschmiedet, 65 mm langer Hebel |
| Verstellbarkeit | 3 Versteller am Geber: Übersetzungsverhältnis, Druckpunkt, Hebelweite |
| Bremsleitung | Stahlflex 5 mm Durchmesser |
| Bremsscheibe | Edelstahl, 2,3 mm Dicke, Motorrad-Speichenlayout, 18 mm Bremsfläche, verfügbar in 200 mm und 220 mm |
| Öl | Mineralöl – eigens entwickelt, geringe Viskosität über gesamten Temperaturbereich |
| Entlüftung | spezielles Entlüftungs-Interface mit Klick-System am Sattel |
| Farben | Brembo-typisches Rot |
| Preis (UVP netto) | GR-PRO Kit*: 750,00 € +20 mm oder +40 mm Adapter Kit: 21,00 € Shifter Adapter Kit: 29,83 € Ersatz-Bremsbelag Kit: 32,70 € Bremsscheibe 200 oder 220 mm: 59,95 € |
| Verfügbarkeit | Ab Juli 2026 in Europa, anschließend in den USA |
*Das GR-PRO Kit wird als Komplettsystem angeboten. Es umfasst zwei Geberzylinder (links/rechts), zwei Sättel inklusive Beläge, zwei Stahlflex-Leitungen, zwei Ersatz-Belagspaare, Mineralöl und verschiedene Adapter inkl. Schrauben. Die Bremsscheiben sowie das spezielle Entlüftungskit sind separat zu erwerben.
TECHNISCHE INFORMATIONEN Brembo GR-PRO
Geber mit Drei Verstellmöglichkeiten
Das Highlight der GR-PRO ist der Geberzylinder. Er bietet drei separate Verstellmöglichkeiten – eine Stufe mehr als der aktuelle Standard am Markt. Hier kommt die Erfahrung aus dem Motorradsport voll zum Tragen:
Dead Stroke (Leerweg/Druckpunkt)
Sieben Positionen, um zu definieren, wann die Beläge an der Scheibe anliegen. Von sehr frühem Druckpunkt bis zu späterem, weicherem Eingreifen ist hier alles möglich. S steht für „Short“, also einen kurzen Leerweg. L für „Long“ und somit für einen längeren Leerweg. Einstellbar per 3-mm-Innensechskant über die Schraube an der Vorderseite des Gebers.
Reach Adjustment (Hebelweite)
Einstellbar in 40 Klick-Positionen über 30 mm Spannweite. Verstellt wird die Hebelweite über das Drehrädchen im Hebel.
Lever Ratio (Übersetzungsverhältnis)
Ein exzentrischer Mechanismus verändert das Übersetzungsverhältnis des Hebels. Per 3-mm-Innensechskant lässt sich zwischen drei Stufen wählen: „S = Soft“ (langer Hebelweg, leichtgängig), „M = Medium“ und „H = Hard“ (kurzer, direkter Druckpunkt). Die Schraube befindet sich hinter dem Hebel direkt am Geber.
Der „magische“ Exzenter
Die meisten MTB-Bremsen bieten ein festes Übersetzungsverhältnis zwischen Fingerkraft und Kolbendruck. Wer ein anderes Hebelgefühl möchte, konnte bisher bei manchen Herstellern den Hebel oder mit der neuen SRAM Maven den SwingLink tauschen. Brembo geht einen völlig neuen Weg.
Im Inneren des GR-PRO-Geberzylinders steckt ein exzentrischer Mechanismus, der den Angriffspunkt der Pushrod (der kleinen Verbindungsstange zum Kolben) am Hebel verändert. Per 3-mm-Innensechskantt wird der Exzenter verdreht – und schon wandert dieser Angriffspunkt näher an den Hebel-Drehpunkt heran oder weiter von ihm weg. Wer es genau wissen möchte: Es sind 12, 13,5 oder 15 mm.
Mit einem 3er-Innensechskant verstellt man in Sekundenschnelle den Hebel-Drehpunkt. Hier der Übergang von M auf H.
Was physikalisch passiert: Der Hebel wirkt wie eine klassische mechanische Übersetzung. Je näher der Pushrod am Drehpunkt angreift, desto länger wird der Hebelweg bei gleichzeitig geringerer Fingerkraft – die Bremse fühlt sich „weicher“ an und lässt sich feiner dosieren. Greift der Pushrod weiter außen an, wird der Weg kürzer und die nötige Fingerkraft höher – der Druckpunkt ist direkter, die Bremse reagiert aggressiver.
Soft (S): Längster Hebelweg, leichtgängig.
Medium (M): Der ausgewogene Kompromiss.
Hard (H): Kürzester Hebelweg, direktester Druckpunkt.
Links sieht man, wo der blaue Pushrod in Stellung S sitzt. Dreht man die Schraube, ändert sich die Position und entsprechend auch das Hebelverhältnis.
Das Besondere: Der Hebel selbst bleibt unverändert. Die gesamte Mechanik sitzt unsichtbar im Geberzylinder-Gehäuse – eine patentierte Brembo-Lösung, direkt aus der MotoGP übernommen. Drei Stellungen, die den Charakter der Bremse komplett verändern. Mit der GR-PRO bekommst du verschiedene Bremssysteme in einem.
Vorne aggressiv, hinten weicher? Kein Problem. Bei Schlamm-Wetter eine Spur weicher stellen, für den Bikepark-Tag wieder härter? Das geht so schnell wie das Verstellen der Hebelweite.
Spannende Worldcup-Insights: Loic Bruni entschied sich im Worldcup die weiche Einstellung an Vorder- und Hinterrad, während Finn Iles vorne Medium und hinten Soft wählte.
Die Settings der Specialized-Profis. Interessant ist, dass Finn ein unterschiedliches Verhältnis von vorne zu hinten fährt. Daran sieht man, wie individuell der Geschmack bei Bremsen ist.
Bremssattel
Während der Geber die individuelle Note setzt, sorgt der Sattel für die technische Feinheit. Die Kolben bestehen aus einem Aluminiumgehäuse, gefüllt mit einem faserverstärkten Polymer, das die Wärmeleitung massiv reduziert. Der Isolator berührt direkt die Belagrückplatte – der Sattel ist isoliert und bleibt kühler, das System stabiler.
Die Rückseite des Kolben-Alugehäuses.
Darin sitzt das faserverstärkte Polymer, das direkt die Rückplatte des Bremsbelags berührt.
Bremsscheibe
Auch die 2,3 mm dicke Edelstahl-Bremsscheibe fällt auf: Sie hat ein Brembo-typisches Motorrad-Speichenlayout, das in die entgegengesetzte Richtung der anderen Hersteller läuft. Während klassische MTB-Scheiben im Bremsfall die Speichen auf Stauchung belasten, laufen die Brembo-Speichen auf Zug. Das sorgt laut Brembo für eine bessere Kombination aus thermischer Festigkeit und Steifigkeit. Außerdem bietet die Bremse 18 mm Bremsfläche, was zur Verbesserung des Wärmemanagements beitragen soll. Verfügbar in 200 oder 220 mm Durchmesser.
Bremsbelag
Die Beläge wurden in einem aufwendigen Prozess mit über 30 Compound-Varianten entwickelt, bis das Specialized Gravity Team den finalen semi-metallischen Belag mit hoher Initialbissigkeit absegnete. Das heißt, man muss sich nicht lange entscheiden – es gibt ausschließlich diesen einen Belag. Er soll durch einen gleichbleibenden Reibungskoeffizienten bei hohen Temperaturen und unter nassen Bedingungen punkten.
Bremsleitung & Mineralöl
Die 5 mm dicke Stahlleitung mit PTFE-Innenteil ist angelehnt an ihre Motorsport-Leitungen – mit sehr geringer Ausdehnung für eine durchgängig hohe Bremsleistung. Sie soll unter hohem Druck, bei erhöhten Temperaturen und unter extremen Belastungen eine direkte Übertragung der Bremskraft sowie eine gleichbleibende Bremsleistung bei langen Abfahrten und starken Temperaturschwankungen gewährleisten.
Mit dem eigens entwickelten Mineralöl versprechen sie einen leichteren Fluss im System und eine stabilere Leistung über den gesamten Betriebstemperaturbereich hinweg.
AUF DEM TRAIL (First Ride)
Ein ziemlich großes Setup erwartete mich auf dem Parkplatz: 7 Bikes, 7 Mitarbeiter. Brembo tritt stark und selbstbewusst auf – das merkt man sofort. Nach dem Bike-Setup und ausführlicher Bremsen-Einweisung ging es endlich los auf die toskanischen Trails.
„Funktioniert das Prinzip mit der Änderung des Übersetzungsverhältnisses wirklich?“, fragte ich mich vorab immer wieder. Das war etwas, das ich bisher an keiner anderen Bremse auf diese Weise ändern konnte. Klar, Druckpunkt und Hebelweite einzustellen ist nichts Neues – aber das Übersetzungsverhältnis? Das war Neuland.
Die entscheidende Schraube sitzt direkt hinter dem Bremshebel und lässt sich mit einem 3-mm-Innensechskant verstellen. Mit einem normalgroßen Multitool ist sie schwer zu erreichen – daher bekam ich einen einzelnen 3er-Innensechskant mit auf den Trail. Was ich aber bereits im Stand sagen konnte: Zwischen den Stufen Soft (S), Medium (M) und Hart (H) war sofort ein Unterschied spürbar. Das spiegelte sich natürlich auch auf dem Trail wider.
Die Schraube zum Ändern der Lever Ratio stellte man mit einem 3-mm-Innensechskant ein. Mit meinem Multitool hatte ich nicht ausreichend Platz, daher ein extra Schlüssel.
Recht schnell bekam ich ein Gefühl dafür, wie sich die drei Einstellungen verhielten. Was mir auffiel: Drehte ich von S nach H, wanderte der Hebel bei jeder Stufe ein Stück weiter vom Lenker weg. Über den Hebelweiten-Einsteller holte ich ihn wieder an meine Wunschposition zurück. Den Druckpunkt justierte ich mit der vorderen Schraube am Bremshebel dorthin, wo er sich für mich gut anfühlte.
Mit diesem Rädchen passte man die Entfernung des Hebels zum Lenker an.
Vorne änderte man den Leerweg von kurz (Short) auf lang (Long) – in 7 Positionen.
Im Laufe des kurzen Tests versuchte ich, ein Feeling herzustellen, das eine gute Modulierbarkeit zu Beginn des Bremsvorgangs abbildet und mit Power zupackt, wenn ich das Ende des Hebelwegs erreiche – ähnlich der neuen SRAM Maven.
Die harte Einstellung (H) schloss ich recht schnell als nicht passend für mich aus. Mir fehlte die Modulation und ich musste etwas mehr Fingerkraft aufwenden. Mit gleichbleibender Position des Hebels zum Lenker landete ich am Ende bei der Medium-Einstellung mit der fünftkürzesten (von sieben) Position beim Druckpunkt.
Bei der weichsten Lever-Ratio-Einstellung (S) stand der Druckpunkt-Einsteller dagegen in der kürzesten Position – und hier hätte ich mir gerne noch ein bis zwei Klicks mehr gewünscht.
Die Bremsbeläge boten einen angenehmen Biss, der mit der richtigen Einstellung fein dosierbar war. Da es in Massa Marittima keine langen Downhills gibt, bei denen man dauerhaft auf der Bremse steht, war es schwierig, die Hitzebeständigkeit der Bremse zu testen. Einen wandernden Druckpunkt oder anderweitige unangenehme Auffälligkeiten konnte ich jedoch nicht feststellen.
Am Ende landete ich bei der Medium-Einstellung der Lever Ratio – hätte aber durchaus noch mehr Laps mit dem Vergleichen der vielen Settings verbringen können.
Brembo GR-PRO – Erster Eindruck
Dieser erste Testeindruck zeigte mir, welchen Ansatz Brembo mit der neuen GR-PRO verfolgt: eine Bremse, viele Gesichter. Das System bietet so viel Spielraum, dass auch jeder Fahrer seine persönliche Idealposition finden sollte – vorausgesetzt, man ist willig, die Zeit zu investieren und die Settings Lap für Lap auszuprobieren.
Als Motorsport- oder Brembo-Fan bekommt man ein kleines Stück MotoGP-Feeling ans Fahrrad – optisch wie auch technisch. Und genau das macht die GR-PRO aus: Sie ist eine Bremse für alle, die ihr Setup bis ins Detail optimieren wollen.
DU WILLST MEHR TESTS?
Autor – YANNICK NOLL
Größe: 178 cm
Gewicht: 75 kg
Fahrstil: Als ehemaliger Racer darf es gerne schnell und flüssig sein. Größere Sprünge und steile Rampen dürfen aber auch nicht fehlen. Das Bike ist etwas straffer und schneller abgestimmt, dass es entsprechend schnell auf Input vom Fahrer reagiert.
Motivation: Es soll Spaß machen. Ein Bike sollte nicht langweilig, alles platt bügeln. Der Charakter darf etwas lebendiger sein. Bei der Abstimmung, wie auch beim Fahrstil. Das Produkt sollte haltbar sein und auch auf längeren Biketrips sorgenfrei funktionieren.

