Jo Klieber PUSH222: Der Asphalt-Vertreiber und Schotter-Fresser im Test

Manchmal entsteht ein Bike nicht auf dem Reißbrett eines der Bigplayer in der Bikebranche, sondern entspringt dem Kopf eines absoluten Nerds und Urgesteins. Wenn Jo Klieber nach Jahren der Abstinenz ein neues Bike in den Markt schickt, dann sollte man genauer hinschauen. Marketing war für Jo schon immer verpönt. Das Produkt muss so gut sein, dass es für sich selbst spricht. Es zählt, was funktioniert und aus Ingenieurssicht Sinn ergibt, mit allen Ecken und Kanten. 

Mit dem PUSH222 stellt Klieber bestehende Schubladen infrage. Ist das ein Gravel? Ein Rennrad? Ein Allroad? Endurance? Wir haben das PUSH222 auf verschiedenen Untergründen ausgeführt und es hat uns viel über die zahlreichen Kategorien nachdenken lassen. Für wen ist das PUSH222 also die richtige Wahl?

PUSH222 Historie & Story: Der Kopf hinter der Maschine

Wer Jo Klieber kennt, weiß: Hier regiert schon immer die Leidenschaft und nicht das Marketing-Lehrbuch. Am südöstlichen Rand der Republik tüftelt er seit gefühlt Anbeginn der Fahrradbranchen-Zeit, an Teilen, die schlichtweg besser funktionieren sollen als der Standard. Seine Philosophie basiert weniger auf glänzenden Uni-Diplomen, sondern vielmehr auf erarbeiteter und erprobter Erfahrung. Transferdenken aus anderen Sportarten wie Gleitschirmfliegen. Dabei immer bodenständig, direkt und mit einem gesunden Schuss Sturheit.

Nach der Liteville-Epoche, in der er die Bikewelt jahrelang stark prägte, ist das PUSH222 ein durchaus radikales Bike mit Rennlenker. Die Erwartungshaltung der Szene in seine Richtung ist hoch. 

Doch statt einfach den zehnten Carbon-Klon auf den Markt zu schieben, baut Klieber ein Bike, das sich im schmalen Korridor zwischen High-End-Road und High-Speed-Gravel bewegt. Ein Bike für Leute, die wissen, was sie tun und ein passendes Werkzeug suchen.

Jo Klieber PUSH222: Der Einsatzzweck – schnell, hart, direkt mit der notwendigen Sicherheit

Wer glaubt, mit dem PUSH222 gemütlich den Sonnenuntergang auf dem Forstweg zu suchen, ist falsch gewickelt. Das Rad ist auf Speed getrimmt und wird das nicht nur von dir verlangen, sondern dich auch dazu motivieren.

Das ist erfrischend, denn der Markt platzt aus allen Nähten vor Gravelbikes. Die Kategorie ist ein wenig wie der Wilde Westen. Viel ist erlaubt und Geometrien, wie auch was Gravel eigentlich ist, sind nicht in Stein gemeißelt. 

So bekommt man teilweise zwar viel Komfort mit 90er-Jahre-MTB-Geometrien, aber dafür fühlt man sich auf der Straße deplatziert und ineffizient. Das PUSH222 will punkten. Schnell im Antritt, nach vorn marschieren, wenn der Ortsschildsprint naht und dabei auf der Straße genauso souverän funktionieren, ohne auf Schotter die Nerven zu verlieren.

Der Allroad-Gedanke

Es erinnert daran, wofür die Tour de France einst antrat – raus auf die Straße, egal welcher Belag unter den Reifen knirscht. Nur eben auf einem technischen Level von heute.

Custom-Vibe

Das Rahmenset ist eine Leinwand für alle, die ihr Rad selbst aufbauen wollen. Dass hier Performance an erster Stelle steht, beweist der Referenzaufbau von Kliebers Team: Mit feinsten Komponenten landet das Bike in Größe XL bei 8,46 kg – ohne Pedale, mit K.I.S.

Technische Details & Hard Facts

Kein Firlefanz, sondern Funktion. Das PUSH222 setzt auf Anbaumaße, die schrauberfreundlich sind.

  • Rahmen: High- und Medium-Modulus-Carbon (UD matt), 1.025 g (+/– 3 %) in Größe M. Rahmenset gesamt ca. 1.440 g

  • Gabel: Carbon-Gabel (Made by Klieber)

  • Tretlager: Klassisches BSA-Tretlager

  • Schaltauge: UDH-Standard

  • Steuersatz & Zugverlegung: Acros-Steuersatz mit integrierter Zugverlegung

  • Achsen: X‑12-Steckachsen vorn und hinten.

  • Reifenfreiheit: Bis zu 36/37 mm

  • Systemgewicht: max 130 kg

  • Garantie: 3 + 3 Jahre (voll übertragbar auf Folgebesitzer) plus eine Crash-Replacement-Regelung.

  • Rahmenset-Preis: 1.099 € (aktuell im Angebot für 799 €)

  • Lieferumfang: Rahmen, Gabel, X-12 Achsen, Acros Steuersatz, Sattelklemme, UDH Schaltauge.

  • Herstellerwebseite: joklieber.de

Das K.I.S. System (Keep It Stable) – Der Lenkassistent

Wer das Maximum an Kontrolle will, kann das PUSH222 optional mit dem von Jo Klieber entwickelten K.I.S.-System auf dem Oberrohr ausstatten (Aufpreis: 259 €). Es ist eines der am meisten missverstandenen Nachrüstteile der letzten Jahre und wir werden in absehbarer Zeit noch einen technischen Deep-Dive-Artikel dazu bringen.

Wenn ihr die Chance habt, das PUSH222 probezufahren, dann solltet ihr das unbedingt mit der K.I.S.-Variante machen. Denn am Rennrad/Gravel/Allroad wirkt es sich noch einmal stärker (positiv) aus als am Mountainbike. 

Bei was hilft das KIS eigentlich?

Es zentriert das Vorderrad per Federkraft und zwei Bändern in der Neutralstellung und linearisiert die Lenkkräfte.

Der Effekt auf einem Bike mit Rennlenker

Das Vorderrad bleibt deutlich leichter in der Spur und ihr müsst weniger Korrekturen und Ausgleichsbewegungen machen. In langsamen Anstiegen gibt es keine Schlangenlinien mehr. Aber vor allem im Wiegetritt oder auf losem Schotter schluckt das K.I.S. die Unruhe, sodass du weniger Energie für ständiges Eingreifen brauchst. Wie viel das ausmacht, lässt sich sehr leicht herausfinden, denn das System kann über einen Klappmechanismus komplett abgeschaltet werden. 

Eine Debatte über das Gewicht lässt sich in dieser Bikekategorie führen. 210 Gramm (inklusive integriertem Lenkanschlag zum Schutz des Oberrohrs) sind auch nicht ganz wenig, aber der Vorteil auf dem Trail überstrahlt das Gewicht um ein Vielfaches!

Geometrie

Die Geometrie ist eher sportlich und gestreckt ausgelegt. Allerdings sollte man in der Lulatsch-Fraktion keine Vorliebe für einen zu langen Reach haben. Wer vom Mountainbiken kommt und in die Größenempfehlung XL fällt, sollte nämlich nicht zu lange Beine mit sich bringen. Damit muss man mit einer eher großen Sattelüberhöhung klarkommen und wünscht sich gegebenenfalls etwas mehr Länge, wie auch ein höheres Steuerrohr.

Geometrietabelle
Größe S (52) M (54) L (56) XL (58)
Empfohlene Körpergröße 163–171 cm 170–179 cm 179–185 cm 186–192 cm
Oberrohrlänge, horizontal (mm) 533,5 543 567,2 577,2
Sitzrohrlänge (mm) 458 476,9 497,2 517,3
Steuerrohrlänge (mm) 120 140 160 180
Steuerrohrwinkel (°) 71,7 72,2 72,2 72,7
Sitzrohrwinkel (°) 74 74 72,7 73,2
Gabel Offset (mm) 45,6 45,6 45,6 45,6
Gabel Länge (mm) 381,3 381,3 381,3 381,3
Kettenstrebenlänge (mm) 410 410 420 420
Reach (mm) 381 384,8 385 402,2
Stack (mm) 531 551,9 577,8 590,9
BB Drop (mm) 72,8 72,8 72,8 72,8
Stack to Reach (mm) 1,4 1,44 1,5 1,46
Max. Reifenbreite 28 Zoll (mm) 700x35c 700x35c 700x35c 700x35c
benötigter Sattelstützendurchmesser (mm) 27,2 27,2 27,2 27,2
empfohlene Schrittlänge (mm) 75–79 80–83 84–88 89–92
Körpergröße (cm) 163–171 170–179 179–185 186–192
Laufraddurchmesser (Zoll) 28 28 28 28
zulässiges Systemgewicht (kg) 130 130 130 130

Auf dem Trail

Auf Asphalt hat das PUSH222 ein paar Überraschungen für dich parat. Du gehst in den Untergriff, drückst rein, und das Ding marschiert nach vorn wie die Sau. Keine Trägheit. Kein Flex im Tretlager. Vortrieb ist angesagt. Pure Rennradler werden sich wegen den Reifen mit den kleinen Stollen sicher an den Kopf fassen. Aber lass sie dumm gucken oder besser gesagt dumm aussehen, wenn die Straße eben nicht mehr so glatt ist und der Feldweg beginnt. 

„Ich trage das Bike aus dem Keller. Ganz schön viel leichter als das, was man so von einem Mountainbike kennt. Mache drei schnelle Schritte die Treppe hoch auf die Straße. Steige auf. Trete rein. Wusch! Los geht's.“ – Auszug aus unserem Testlogbuch

Jeder von uns kennt das Gefühl, wenn ein Auto zu knapp an einem auf der Straße vorbeizischt. Radwege gibt es nicht überall und der Zustand lässt oft zu wünschen übrig. Beziehungsweise stellt es deine Dackelschlitzer auf eine Pannenprobe. Mit dem PUSH222 nimmst du dir den Stress der Autos, die Angst vor rutschigem Untergrund und Steinchen, während du dein Revier ganz einfach ausdehnst. 

Muss man das Rennrad für den groben Untergrund „Allroad“ nennen? Meinetwegen. Fakt ist, dass aus bloßem Kilometerfressen plötzlich eine Abenteuerausfahrt werden kann. Aber auf der Überholspur. Grenzenlos und frei wie der Wind trägt dich dieses Bike ins Grün. Weit weg vom Alltag und den überfüllten Wegen. Dabei ist es eher der Turmfalke als die (Gravel-)Taube und spornt dich zu mehr Geschwindigkeit an. Die schmale Sattelstütze stellt dabei ausreichend Komfort bereit. Wer es noch bequemer möchte, kann darüber nachdenken, die maximale Reifenbreite auszunutzen.

Ein Anblick, der zur Regel an vielen Bikes werden sollte. Insbesondere bei Gravel und Allroad. Über die Stellschraube am hinteren Ende lässt sich die Spannung einstellen. Wir hätten sogar noch mehr genommen, waren aber schon am Maximum.

Viel beeindruckender an alldem ist allerdings das K.I.S.-System. Bei unseren Testfahrten durch die tiefen schwäbischen Wälder verlieren wir uns gerne mal im Flow. Das auf dem Oberrohr sichtbare K.I.S. erinnert einen dann gerne mal daran, dass das unter einem ein Testbike ist. Also ein schneller Griff an den Mechanismus: nach oben geklappt und somit „ausgeschaltet“.

Hier ist Vorsicht geboten, denn plötzlich wird aus dem schwarzen Pfeil, der seelenruhig mit hohem Speed über losem Untergrund rauscht, ein nervöser Zappelphilipp. Der Unterschied ist krass. Ich teste das K.I.S. seit circa 2,5 Jahren am Mountainbike, aber der Effekt am Bike mit Dropbar ist noch einmal deutlich stärker.

Eigentlich sollte kein Bike dieser Kategorie ohne K.I.S. ausgeliefert werden. Mit aktiviertem K.I.S.-System schneidet das Rad problemlos und sicher durch tiefen Schotter mit einer stoischen Ruhe, die man von einem Renner mit Rennlenker schlicht nicht gewohnt ist.

Fazit: Für wen ist das PUSH222?

Am Ende unserer Testphase steht ein kompromisslos schnelles Rad. Es holt die historische DNA der allerersten Tour de France zurück, bei der Schotterpisten noch zum guten Ton gehörten, und kreuzt sie mit einer ernst gemeinten Renn-Performance.

Das PUSH222 ist kein gemütlicher Tourer für verregnete Bikepacking-Sonntage. Und auch der Begriff Allroad wird ihm nicht ganz gerecht. Es ist ein schnelles Bike mit Rennlenker für alle Untergründe. Ein Rennrad, das sich nicht beschränken lässt. Es ist ein Freigeist für Menschen, die sich dem Rausch der Geschwindigkeit hingeben wollen, wo „langsam“ gleichzusetzen ist mit „langweilig“.

Ein Hybrid aus Asphalt und Schotter. Erkundungstool und Trainingsgerät für den, der keinen Unterschied macht zwischen Straße und Schotter. Wer Jo Kliebers Handschrift und Philosophie schon in der Vergangenheit schätzte, wird sie hier wiederfinden. Kompromisslos, durchdacht und technisch auf den Punkt kann das PUSH222 dein Traumgerät werden.

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Autor


Größe: 191 cm

Gewicht: 105 kg

Fahrstil: Mit seinem Race-Hintergrund sind die Linien geplant, auch wenn es mal rumpelt. Wenn möglich, werden Passagen übersprungen. Die ganze Breite eines Trails sollte man nutzen. Andere würden sagen – kompromisslos.

Motivation: Ein Produkt sollte sorgenfrei und möglichst lange funktionieren. Wenn man weniger schrauben muss, kann man mehr fahren. Er bastelt gerne und schaut, wie das Bike noch optimiert werden kann.


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