Push222 Speed Gravel – Lass die Finger von dem Zeug!
Es gibt Tage, an denen plant man keine ernsthafte Ausfahrt. Man hat normale Jeans an, die warme Winterjacke, es ist ja immerhin gerade Januar, und den Baumwollhoodie, der bei der leichtesten Ertüchtigung für Hitzestau sorgt. Dann passiert etwas und man findet sich auf einem dieser besonderen Rides, von denen man seinen Kumpels erzählt, weil er so episch war. Ungeplant. Unvorbereitet. Unglaublich gut. – Eine Set-up-Fahrt (nicht) zum Supermarkt.
Ich trage das Bike aus dem Keller. Ganz schön viel leichter als das, was man so von einem Mountainbike kennt. Mache drei schnelle Schritte die Treppe hoch auf die Straße. Steige auf. Trete rein. Wusch! Los geht’s. Ich wohne auf einem kleinen Hügel und rolle die Straße runter. Die Tränen der Ergriffenheit fließen horizontal ab. Danke, Walter. Es wird flach im Wohngebiet. Ein 30er-Schild rauscht vorbei. War das ein roter Blitz?
Untergriff. Ich drück’ mal mehr und kuck, was geht. Wow. Sportlicher Antritt. Oder besser etwas rustikaler ausgedrückt: Das Ding marschiert. Nach vorn. Wie. Die. Sau. Speed hat es auf jeden Fall schon mal. Was meinte Jo beim Beschreiben des Bikes? Irgendwas wie Speedgravel? Zeit zum Grübeln hab’ ich nicht. Bin eine Dampflok und die Beine, die Kolben, ballern auf voller Kraft. Denk nicht mehr nach.
Eigentlich wollte ich doch nur kurz zum Einkaufen und eine erste Einstellungsfahrt machen. Hab’ ich vergessen. Plötzlich ist da der Schotterweg. Ich fahr’ einfach weiter. Langsamer werde ich nicht, und die kleine StVZO-Stadtfunzel, die am Lenker wackelt, ist definitiv nicht hell genug für diese Geschwindigkeit. Die Lichter der Stadt verschwinden hinter mir, nur die Leuchte gibt mir eine grobe Idee, wohin es geht. Ich tauche ein. In die Dunkelheit.
Geschwindigkeit pur. Rausch. Tunnelblick. Steinchen knirschen und knacken unter den Reifen. Fahrtwind beißt mir ins Gesicht.
Was mache ich hier eigentlich? Moped? Rennrad, Mountainbike, E-Bike – irgendwie weiß ich das nicht mehr so genau.
Du kennst das, wenn du langsam vollläufst? Nicht Bier. Laktat. Wieso passiert das gerade? Oh. OK. Hinter mir liegt dieser Anstieg, der mir das letzte Mal mit meinem Stahlgravel den Stecker gezogen hat. Jetzt bin ich schon oben. Unerwartet, und die Beine brennen. Hab ja auch nicht einmal geschaltet. Auf das Rad sollte ein steiferer Lenker drauf … Saure Beine? Pfff … Geht sicher auch noch saurer. Kümmert mich nicht.
Dann habe ich einen Filmriss. Wie im Delirium blinzele ich wild, als ich aus der Dunkelheit vom Schotter, aus dem Wald, zurück auf Teer rausche. Ich bin auf der anderen Seite der Stadt. Wie groß war diese Tour denn jetzt? Die Beine melden sich: Der Status "sauer" wäre jetzt vorbei. Jetzt haben wir Pudding. Leer. Zufrieden. Anscheinend genug. Ich kurbel zurück auf den Hügel. Das erste Mal schalte ich vorn aufs kleine Blatt. Rolle in die Einfahrt. Absteigen. Beine geben fast nach. An den Augenwinkeln. Salzkruste. S.C.H.E.I.S.S.E. ist das Teil schnell!
Ich wackle zur Tür wie diese Gym-Kerle nach einem Legday. Schließe die Tür auf. Wie viele Kilometer ich gefahren bin, weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Zufriedenheit durchströmt mich. … und wo ist eigentlich mein Einkauf?
Wie geht es weiter?
Ein kompletter Test inklusive KIS am Gravel folgt!
Herstellerwebseite: joklieber.de
Autor
Größe: 191 cm
Gewicht: 105 kg
Fahrstil: Mit seinem Race-Hintergrund sind die Linien geplant, auch wenn es mal rumpelt. Wenn möglich, werden Passagen übersprungen. Die ganze Breite eines Trails sollte man nutzen. Andere würden sagen – kompromisslos.
Motivation: Ein Produkt sollte sorgenfrei und möglichst lange funktionieren. Wenn man weniger schrauben muss, kann man mehr fahren. Er bastelt gerne und schaut, wie das Bike noch optimiert werden kann.

