Test: Push Industries Nine.One V2

Der Name: Push Industries. Ein Anbieter für Suspension-Produkte. Der Ansatz: alles etwas anders zu machen als der Rest. Keine Massenfertigung, sondern nach Maß für den individuellen Kunden. Für das individuelle Bike und das individuelle Anwenderprofil. In der Nine.One V2-Upside-Down-Federgabel vereinen sich nicht nur ein spezieller Ansatz einer kleinen Firma aus Colorado, sondern auch eine komplett andere Philosophie als das, was man sonst so von den Mitbewerbern von der Stange kennt. Stahlfeder, Custom-Setup für jeden Kunden und zwei Wege, die Federkennlinie zu beeinflussen …

Wir haben die Push Nine.One V2 getestet und wurden überrumpelt. Anders = besser? Taucht mit uns ein in die Welt von Push, wo alles etwas anders ist.

Steckbrief Push Nine.One V2

Einsatzbereich Trail / Enduro / eMTB
36 mm Stanchions / 44 mm Uppers
Federweg 140–170 mm
Settings HSC & LSC, LSR, Sub Chamber, HBO
Federung Coil-Spring mit Sub Chamber
Dämpfung NINEONE
Laufradgrößen 29″ / 27,5″
Max. Reifenbreite 2,6″
Achsmaß 15 x 110 mm Boost
Bremsscheibe PM 180–203 mm (220–223 mm Adapter)
Offset 44 mm (29″) / 37 mm (27,5″)
Axle-to-Crown 551–581 mm (je nach Travel)
Gabelschaft 1,5–1 1/8″
Casting Aluminium
Abstreifer Push ULF Seals
Fender optional
Farbe Schwarz / Bronze Varianten
Gewicht 2.941 g
Garantie 2 Jahre
Preis (UVP) ca. 2.399 €
Webseite pushindustries.com

Preis und Leistung

Bei Testpilot haben wir eine Meinung, was Preise für Produkte angeht. Mountainbiken ist ein leidenschaftliches (und teures) Hobby – und dennoch konnten wir früher wie heute auch mit einem starren Bike im Wald eine Mordsgaudi haben. Braucht es hochgezüchtete Suspension, edelste Carbon-Rahmen mit Motoren und Bikes, die 15.000 Euro kosten? Eigentlich nicht. Dennoch fällt es schwer, eine Grenze zu ziehen, wo ein verhältnismäßiger Preis liegen sollte. Ist die Fertigung von Hersteller X wirklich besser? Höherwertige Materialien, rechtfertigen einen höheren Preis? Besserer Service? Ersatzteilversorgung auch noch in 5 Jahren?

In der Causa Push fällt es einem aber leichter, sich die Investition schönzureden. Die Nine.One tritt positiv aus der Reihe. Gefertigt in Colorado, fällt sie nicht wie andere Federgabeln im Minutentakt vom Band einer gigantischen Fernost-Fabrik. Wer sich für dieses Produkt entscheidet, legt es nicht einfach in den Warenkorb. Es folgt ein Prozess, bei dem man mit dem Push-Team und seinen Partnern in Kommunikation tritt. 

Körpergewicht, Bike (E oder Bio) sowie Fahrstil werden abgefragt und sorgen nicht nur dafür, dass man die passende (Stahl-)Federhärte ab Werk montiert bekommt. Alle Parameter fließen mit ein und beeinflussen die Abstimmung der Dämpfungskartusche. Wenn die Gabel bei dir ankommt, ist sie fix und fertig auf dich abgestimmt. Einbauen und losfahren.

Trotzdem nicht zufrieden? Unter dem Titel „60-Day Performance Garantie“ steht man dir mit Rat und Tat zur Seite – damit die Gabel am Ende perfekt funktioniert.

Jedes Mal, wenn man seine Push-Suspension zur Wartung einschickt, wird die 1-jährige Werksgarantie um ein weiteres Jahr verlängert – dadurch kann man quasi eine lebenslange Garantie erzielen.

Außerdem bieten Push ein Garantie-Reset-Programm an: Kauft man eine gebrauchte Nine.One wird die Garantie auf Ihren Namen übertragen.

Kostet die Push Nine.One V2 immer noch eine Stange Geld? Ja. Dennoch sollte man die erbrachte Leistung in Verhältnismäßigkeit zum restlichen Markt setzen.

TECHNISCHE INFORMATIONEN Push Nine.One V2

In unserer Testreihe setzt die Push Nine One V2 als zweite Gabel auf eine Upside-Down-Bauweise. Wo man sich bei Push Industries lange Zeit nur auf Dämpfer und Tuning für Federgabeln anderer Hersteller beschränkte, erblickte 2024 die V1 der Nine.One das Licht der Welt. In europäischen Gefilden ist sie aber nach wie vor selten zu sehen. 

Die Exklusivität erklärt sich zum einen durch den Preis und zum anderen, weil Push eher im Aftermarket zu finden ist. Während die Big Player Massenfertigung in Fernost nutzen, setzt Push auf die eigene Manufaktur in Colorado mit Custom-Anpassungen für die Endkunden. 

Für das Erstausrüster-Geschäft ist dies zu komplex und kostenintensiv. Umso spannender ist das Produkt aber gerade deshalb, weil es auf den Kunden maßgeschneidert wird und man deutlich mehr Kontrolle über die Performance bekommt.

Push Nine.One V2 – Chassis

Das im Headquarter FE-optimierte Chassis selbst kombiniert 44 mm dicke obere Alu-Rohre mit 36 mm Rohren an der Unterseite. Eine CNC-gefräste, zweiteilige Krone sticht ins Auge. Fette, schwarze, mit Drehspuren verzierte Rohre werden von einem u-förmigen CNC-Bauteil umschlossen – freilich fest dort mit Spezialkleber verankert. Die modularen Achsaufnahmen ergänzen sich zu einem optisch ansprechenden Gesamtbild. In der Bronze-Ausführung poppen diese auch entsprechend heraus.

Die oberen 44er-Rohre werden von einem u-förmigen Bauteil eingefasst.

Am Ende der 36er-Standrohre befinden sich wechselbare Achsaufnahmen.

Was darf es sein: Bronze oder schlichtes Schwarz?

An der Rückseite der Krone sitzt auf jeder Seite ein Entlüftungsventil mit einem Pull-to-Release-Design. Zieht man an den Knöpfen, kann überschüssiger Luftdruck entweichen.

Die Achsaufnahmen sind modular, weil man die einzelnen Lugs mit jeweils zwei Schrauben einfach an- und abschrauben kann – durch die verschiedenen Varianten kann man den Offset ändern oder die Gabel für eine andere Laufradgröße richten (27,5″ oder 29″). Mit einem Klemmbereich von 38 mm sollen sie für ordentlich Steifigkeit am unteren Ende sorgen. 

Am linken Lug sitzt die vollintegrierte Direct-Mount-Bremsaufnahme – für wahlweise 180er oder 203er Bremsscheiben. 220/223er-Scheiben sind mit einem Adapter möglich. Die Gabelschützer werden ebenfalls direkt an den Lugs angeschraubt und können so ersetzt oder bei einem Lug-Tausch mitgenommen werden.

Über die zwei Klemmschrauben werden die modularen Lugs am Standrohr befestigt.

Beides möglich – am linken Lug befindet sich ein Bremssattel-Direct-Mount für eine 180er oder eine 203er Bremsscheibe.

An dem linken Schützer gibt es einen Montagepunkt für die Bremsleitung oder den optionalen Fender. Möchte man ohne Schützer fahren, muss man schauen, wie und wo man die Leitung vom Vorderrad fernhalten kann. Den Fender kann man dann entsprechend nicht montieren.

An der Innenseite des linken Gabelschützers gibt es zwei kleine Gewinde, …

an denen entweder eine Bremsleitungsführung oder …

ein Fender montiert werden kann.

Die schwimmend gelagerte 15 × 110 mm Boost-Steckachse soll (bei richtiger Verwendung) die durch Toleranzen und Abweichungen in der Nabenbreite verursachte Verspannung (und damit Reibung) eliminieren. Clever: Anleitung auf der Achse.

Wie bei allen Upside-Down-Anbietern führt Push das vergrößerte Bushing-Overlap ins Feld. Das soll eben für das bekannte USD-Feeling mit weniger Reibung und einem besseren Ansprechverhalten sorgen. Kommt die Gabel tiefer in den Federweg, werden die Hebelkräfte zusätzlich geringer, als bei herkömmlichen Right-Side-Up-Bauweisen – Push erklärt das so:

In die Entwicklung der Buchsen steckte Push viel Arbeit. Sie werden präzise angepasst und per Hand auf die Standrohre kalibriert. Die Nine.One verfügt außerdem über ein Buchsen-Design, bei dem die Gleitbuchsen inklusive der hauseigenen ULF-Dichtungen permanent im Gabelöl liegen. Das alles zusammen sorgt für noch weniger Reibung und noch mehr Sensibilität auf dem Trail.

Push Nine.One V2 – Stahlfeder

Die Stahlfeder lässt sich recht einfach in der heimischen Werkstatt tauschen. Sie wird an der linken Unterseite der Gabel eingesetzt. Um die Abdeckung zu lösen, gibt es eine spezielle Nuss von Push – diese ist im Lieferumfang inklusive.

Push hat folgende Federn im Portfolio:

  • 30lb/in (Red)

  • 35lb/in (Yellow)

  • 40lb/in (Orange)

  • 45lb/in (Blue)

  • 50lb/in (Green)

  • 55lb/in (Black)

  • 60lb/in (Grey)

Zur Orientierung, welche Federhärte ihr bei welchem Federweg und welchem Gewicht benötigt, gibt es diese Tabelle:

Die sieben verschiedenen Federn der Nine.One. Wie ihr die Federn austauschen könnt, erfahrt ihr in diesem Video:

Push Nine.One V2 – Dämpfung

Die Push Industries Nine.One V2 ist keine Federgabel von der Stange. Jede Gabel, die das Werk verlässt, ist individuell auf den Kunden abgestimmt. Befindet sich dieser außerhalb der USA, übernimmt das der entsprechende Distributor. In unserem Fall ist das MRC-Trading

Die an den Eleven-Six-Dämpfer angelehnte Dämpfungsarchitektur wird entsprechend der Angaben vom Kunden zu Gewicht und Fahrstil bestückt und die Klicker auch gleich passend eingestellt. Dieses Grundsetup kommt dann zusammen mit der Nine.One beim Kunden an. Erfahrungen in Sachen Dämpfung an Federgabeln hat Push massig, nicht zuletzt durch ein früheres Tuningprodukt namens HC97. Dieser Druckstufenkopf wurde im Austausch an eine Vielzahl an Fox- oder RockShox-Dämpfungskartuschen verbaut und genießt nach wie vor einen durchweg positiven Ruf.

Jede Push-Federgabel wird individuell auf den Kunden entsprechend Gewicht und Fahrstil abgestimmt und mit einem Grundsetup verschickt. Bei uns übernahm das der deutsche Distributor MRC-Trading.

Setup der Push Nine.One V2

Push stellt euch die Nine.One V2 ab Werk auf euch ein. Dennoch ist es wichtig, sich mit dem Setup zu beschäftigen, denn die Möglichkeiten der Abstimmung sind extrem breit gefächert. Man kann vermutlich davon ausgehen, dass diejenigen, die sich für diese Gabel entscheiden, nicht nur „etwas Besonderes“ haben wollen, sondern sich auch für die Funktionalität interessieren. 

Das Grundsetup im Auslieferungszustand ist immer dokumentiert, so kann man sich getrost auch mal verirren beim Ausprobieren vom Setup und immer wieder dahin zurückkommen.

Bei der Wahl der passenden Federhärte setzt Push auf die oben gezeigte, übersichtlich ausgearbeitete Tabelle. Je nach Fahrergewicht kann es sein, dass man zwischen zwei Federn liegt. Ein bekannter Nachteil, wenn man auf Stahlfedern als Federmedium setzt. PUSH definiert einen Übergangsbereich beim Sprung zwischen zwei Federn. 

Abhängig von der persönlichen Vorliebe kann man dann eine weichere oder härtere Feder verwenden. Wir haben Fahrergewichte von 70, 75, 95 und 100 kg beim Testen abgedeckt. Grenzbereiche haben wir mit der blauen (45 lbs), grünen (50 lbs) und der schwarzen (55 lbs) ausgelotet. 

Wir haben in den Grenzbereichen je mit den überlappenden Härten eine gute Fahrqualität erreicht. Dennoch empfehlen wir hier jedem Anwender, dass man sich ggf. auch die zweite Feder (härter oder weicher) zulegt. Die Gabel spricht auch mit der härteren Feder immer noch phänomenal an, Funktionen wie die zuschaltbare Progression (Sub Chamber geschlossen – erklärt im nächsten Abschnitt) machen nämlich spannende Kombinationen möglich.

Feder Druckstufe Sub Chamber
Weichere Feder weniger Druckstufen-Dämpfung offen
Weichere Feder weniger Druckstufen-Dämpfung geschlossen
Weichere Feder mehr Druckstufen-Dämpfung offen
Weichere Feder mehr Druckstufen-Dämpfung geschlossen
Härtere Feder weniger Druckstufen-Dämpfung offen
Härtere Feder weniger Druckstufen-Dämpfung geschlossen
Härtere Feder mehr Druckstufen-Dämpfung offen
Härtere Feder mehr Druckstufen-Dämpfung geschlossen

Diese Liste lässt sich von den Nerds noch um die Zugstufe erweitern. Man kann sich dafür entscheiden, die weichere Feder zu verwenden, wenn man mit einer schnelleren Zugstufe unterwegs ist. Umgekehrt kann man auch eine härtere Feder mit einer langsameren Zugstufe nutzen.

Yannick war mit der blauen (45 lbs) Feder für sein Gewicht (75 kg) im Spektrum des empfohlenen Gewichtsbereichs eher auf der strammen Seite – er bevorzugte dadurch das System ohne Sub Chamber-Support. Mit diesem Set-up arbeitete die Nine.One besonders frei im mittleren Federwegsbereich und generierte maximalen Grip.

Wer ähnlich vom Gewicht auf der Grenze liegt, kann trotzdem die Sub Chamber zuschalten, sollte aber entsprechend die Dämpfung etwas öffnen. Dadurch fühlt sich die Nine.One noch einmal etwas straffer und definierter an. Das geht aber zulasten der maximalen Traktion und erforderte auf langen, ruppigen Abfahrten etwas mehr Kraftaufwand.

Das sind Nuancen – zeigt aber, wie groß das Abstimmungsspektrum der Nine.One V2 ist und wie fein sich Charakter und Feedback an persönliche Vorlieben anpassen lassen.

Rampup. Durchschlagsschutz. Federweg.

Rampup: Sub Chamber

In jeder Federgabel befindet sich Luft – und das nicht nur auf der Federseite. Die Nine.One V2 setzt sowieso auf Stahlfeder, aber auch diese steht nicht in einem Vakuum. Taucht eine Federgabel ein, so werden diverse Volumina in ihr kleiner. Die dort vorhandene Luft wird komprimiert. Somit hat auch eine Coil-Federgabel eine Progression über Luft. Die Stärke der Progression ist abhängig von der Größe des Volumens und dessen Änderung. Und genau da setzt Push an, um diese Eigenheit für sich zu nutzen.

Auf der Oberseite der Gabel befindet sich ein kleiner Drehknopf für die sogenannte „Sub Chamber“. Dreht man ihn um 180°, schließt man ein Ventil, wodurch eine Luftkammer in der Gabel abgeschlossen wird. 

Diese Kammer agiert nun mit ihrem Luftvolumen wie eine zugeschaltete Progression. Ohne Sub Chamber fungiert das gesamte Luftvolumen eines Gabelholms als Progressionsvolumen. Die Gabel funktioniert weitestgehend linear (Stahlfeder!), bis der Hydraulik Bottom Out einsetzt. Aktiviert man die Sub Chamber, schließt sich ein pneumatisches Überströmventil und eine kleinere Luftkammer im Inneren der Gabel wird vom Volumen des Gabelhoms abgeschlossen.

Dieses kleine Volumen erzeugt mehr Progression und unterstützt die Stahlfeder im mittleren Bereich des Federwegs. Vorher war das Volumen größer und nicht so progressiv. Die Gabel linearer in ihrer Federwegsfreigabe und somit nutzt man bei gleicher Stahlfederhärte, auch mehr Federweg für das gleiche Hindernis oder die gleiche Landung. In der progressiveren Einstellung wird der Hauptarbeitsbereich der Federgabel höher in den Federweg geschoben (Anfangsbereich), man hat also mehr Support auf steilen Trails oder auch für die Gewichtsverschiebungen, die beispielsweise ein E-MTB mit sich bringt. 

Spannend ist dieses System insbesondere, da man komplett ohne Werkzeug, ohne Dämpferpumpe und ohne die Gabel zu öffnen direkt auf dem Trail sehr schnell diesen Parameter ändern kann.

Über den linken, silbernen Knopf schaltet man die Sub Chamber entweder ein oder aus – eine Mittelstellung gibt es nicht.

Hydraulic Bottom Out (HBO)

Wozu braucht es noch einen hydraulischen Endanschlag, wenn man die Progression bereits über die Sub Chamber erhöhen kann? Was doppelt gemoppelt klingt, erklärt sich recht einfach und macht die Nine.One V2 dennoch sehr speziell. Die meisten Hersteller verlassen sich auf die Progression der Luftkammer und wer mehr harte Landungen produziert, verkleinert die Positivkammer mit Kunststoff-Spacern. Werden die Kräfte so hoch, dass man dennoch einen Durchschlag produziert, sitzt in der Federgabel ein Endanschlagpuffer. Dieser verhindert das Aufschlagen von Metall auf Metall und beugt Beschädigungen vor. 

Ein hydraulischer Endanschlag ist eine komplexere Lösung, die zusätzliches Gewicht mit sich bring aber einen Mehrwert bietet. Wo eine Progression über die (Luft-)Feder die Energie nur speichern kann, kann Dämpfung zusätzlich in Abhängigkeit von der Schaftgeschwindigkeit Energie in Wärme umwandeln. Das Ergebnis bedeutet, dass ihr in dem Moment, wo die Landung vielleicht hart an der Grenze dessen ist, was ihr noch halten könnt, besser abgedämpft wird und wenn es weniger rowdy zugeht, ihr trotzdem den vollen Federweg zur Verfügung habt. Das Problem, dass ihr mit einer (zu) progressiven Gabel dann auf der Progression aufsitzt, wird so souverän umgangen.

Da man bei Push einen Haufen Vollnerds sitzen hat, gaben sie sich hiermit noch nicht zufrieden. Der HBO beeinflusst nicht nur den finalen Durchschlag, sondern die hinteren 70 mm des Federwegs – was immerhin 41% bei der 170 mm Variante sind. Zieht man den Sag ab, liegen wir bei circa 50 % des Federwegs, der von dieser Einheit beeinflusst wird. 

Immer noch nicht genug? Richtig. Dieser Bereich lässt sich zusätzlich noch einstellen. Mit einer Dämpferpumpe könnt ihr den Druck in einer kleinen Druckkammer hinter dem HBO anpassen. Zwischen 10 und 40 psi ist der Spielraum. Damit verändert sich die Kennlinie des hydraulischen Durchschlagsschutzes und somit könnt ihr beeinflussen, wie viel Dämpfungskraft tief im Federweg aufkommt.

An der linken Gabelunterseite befindet sich unter dieser Abdeckkappe das Luftventil für den Hydraulik Bottom Out.

Hier schraubt man die Dämpferpumpe auf das Ventil und kann den Durchschlagschutz anpassen.

Federweg einstellen

Intern ist der Federweg anpassbar – über einen verstellbaren Bolzen kann die Federgabel in 10 mm Schritten von 140 bis 170 mm eingestellt werden.

Dafür muss man die komplette Federseite auseinanderbauen. Mit etwas Schraubererfahrung und dem passenden Werkzeug, ist das aber kein Problem.

Push stellt ein Anleitungs-Video zur Verfügung:

Der siberne Kolben dient zur Einstellung des Federwegs. Je nachdem an welchem Loch des schwarzen Schafts man ihn positioniert, bekommt man 140, 150, 160 oder 170 mm Federweg. Mit dem silbernen Stift wird der Kolben gesichert. Der rote Spacer kommt als Abschluss auf den Kolben.

Push Nine.One V2 Steckachse und Vorderrad einbauen

Bauartbedingt sind Upside-Down-Gabeln etwas aufwendiger bei der Handhabung des Vorderrades. Hat man die Ausfallenden passend hingedreht und die Nabe eingefädelt, gibt es ein vorgegebenes Prozedere, um eine verspannungsfreie Montage zu gewährleisten. 

Korrekte MONTAGE DER 15 x 110 MM-BOOST-STECKACHSE

  1. Das Vorderrad in die Ausfallenden einsetzen und die Achse durch die Ausfallenden und die Nabe schieben.

  2. Achse von beiden Seiten anziehen (4 Nm).

  3. Klemmschrauben auf der Bremsenseite (abwechselnd bis 5 Nm).

  4. Klemmschrauben auf der Antriebsseite (abwechselnd bis 5 Nm).

Damit sich die Gabel beim Einbau des Vorderrads nicht verzieht, sollte man unbedingt die Anzugsreihenfolge der Schrauben und die Drehmomente beachten. Clever: die Anzugsreihenfolge steht auf der Achse.

Wer die Steifigkeitswerte der Nine.One V2 nach oben pushen möchte, kann Naben mit Torque-Caps verwenden. Passende Einfädelhilfen für Standard-Naben werden innen an den Luggs festgeschraubt. 

Sidenote: Im Testzeitraum fuhren wir die Nine.One V2 mit und Fender. Er verbindet beide Ausfallenden miteinander. Mit Fender fällt das Einfädeln der Steckachse etwas leichter.

Die Einfädelhilfen für das Vorderrad werden innen am Lug angeschraubt.

Auf dem Trail

Wenn ihr euch nicht durch die komplette Technik gearbeitet habt und nur wissen wollt, wie die Push Nine.One V2 performt, dann hier direkt der Spoiler. Die gleiche Aussage von allen Testern nach der ersten Abfahrt: „Das ist eine ganz andere Liga.“

Alle Tester haben Erfahrung mit Coil und Luft-Federgabeln. Zwar hatten wir von der Nine.One keine Luftversion (die gibt es schlichtweg nicht) – aber was „Coil-Feeling“ wirklich ist, definiert Push hier für die Testfahrer nochmal neu. 

Soft und feinfühlig, für das allerletzte Steinchen auf dem Trail. Keine Federgabel von der Stange kommt an das Fahrgefühl der Push heran. Man ist fast schon verwirrt, wie viel Ruhe an der Front herrscht und mit wie viel Gelassenheit und mehr an Konzentration man sich auf die Linie fokussieren kann. 

Linie ziehen und planieren? Liegt das am Gewicht? Klebt das Teil am Boden wie ein E-Bike?

Das zusätzliche Gewicht der Federgabel fällt ehrlich gesagt auf dem Trail kaum auf, denn zu unserer aller Überraschung ist die Push Nine.One V2 eben keine Planierraupe, die einfach alles wegbügelt und dich am Boden festhält.

Sollte es notwendig oder gewollt sein, über den Wurzelballen oder das Steinfeld abzuziehen, steht dir die Nine.One V2 helfend zur Seite. Wie passt das zusammen mit dem höheren Gewicht gegenüber anderen Federgabeln am Markt? Sollte es nicht immer möglichst leicht sein? Man muss es differenziert sehen. Es kommt auch darauf an, wo sich das Gewicht befindet, und da kommt die Physik ins Spiel.

Die massivere Krone und die Dämpfungseinheit sitzen nahe am Lenkkopf und gehören zur gefederten Masse. Unten bewegen sich dagegen lediglich die schlanken Standrohre und die Achsaufnahmen. Bei klassischen Right-Side-Up-Gabeln hängt das schwere Casting hingegen direkt an der Achse – und zählt damit zur ungefederten Masse. Weniger Masse am unteren Ende bedeutet geringere Trägheit. Wird ein Impuls am Lenker gesetzt, muss weniger ungefederte Masse beschleunigt werden. Zusätzlich sitzt die Hauptmasse höher. Das ist so als ob ihr beim Deadlift das Gewicht nicht ganz vom Boden heben müsst.

Die Kombination ist ein Gewinner. Man reduziert das effektive Trägheitsmoment der Front und lässt das Bike agiler wirken, als die blanke Zahl für das Gewicht vermuten lässt. Das erleichtert euch das Leben sprichwörtlich auf dem Trail – und sorgt spätestens beim ersten Abziehen für einen ungläubigen Blick nach unten, denn es ist erstaunlich leicht und unauffällig.

Da die gefederte Masse bauartbedingt nah am Lenkkopf sitzt und unten lediglich die schlanken Standrohre und die Achsaufnahmen „dranhängen“, lässt sich die Nine.One einfach anlupfen.

Die Kennlinie der Nine.One kann über die Sub Chamber und den langen HBO so perfekt abgestimmt werden, dass keine Wünsche unerfüllt bleiben. Nicht nur kann man sich die Front genau so einrichten, dass sie immer genau das tut, was man möchte, und so viel Federweg freigibt, wie nötig ist. Es ist ebenfalls möglich, die Kinematik des Hinterbaus zu imitieren. Einem komplett ausbalancierten Fahrwerk steht somit nichts mehr im Wege. Das gibt es in der Art bei keinem anderen Hersteller.

Die Bandbreite bei der Kennlinie und die Dämpfungsqualität dieser Gabel sind, einfach gesagt, beeindruckend. Steinfeld voraus – und zack – vorbei. Beziehungsweise: Wo war das Steinfeld? Man hatte eher das Gefühl, „durch“ die Steine zu fahren als darüber. Fast schon scheint es eine Art schwarze Magie zu sein, denn man ist mit der Push immer wieder vor ein Rätsel gestellt, wie sie es schafft, Eigenheiten zu vereinen, die man mit anderen Gabeln immer nur im Kompromiss bekommt. 

„Schluckfreudigkeit geht zulasten der Präzision … Chassis-Stabilität geht zulasten der Sensibilität … Nachgiebigkeit im Chassis bezahlt man mit ungenauem Fahrgefühl …" – bei Push gilt das nicht. Man bekommt einfach alles. Keine Kompromisse mehr. Lobt man hier zu sehr? So kritisch wir auch sind – wir müssen diese Frage verneinen. Das Gesamtpaket der Push stimmt einfach. Versuche, die von schmierigen Wurzeln durchsetzte Linie am Hang zu treffen, und die Gabel wird deinem Input folgen. Keine Deflektion. Nur Grip. 

Da wäre noch der Elefant im Raum: Ist sie steif genug? Stunden an Diskussionen folgten auf die Testfahrten. Ja. Die Push ist weicher als was man sonst so von den Mainstream-Federgabeln wie Fox 38 und ZEB kennt. Man fühlt sich aber damit nicht unwohl oder entkoppelt vom Untergrund. Der Vorteil, dass sich die Nine.One über Kanten und Wurzeln etwas verwinden kann, erhöht den Grip und das Sicherheitsgefühl mehr, als dass es sich verringern würde durch zu viel Flex. Wer ausschließlich auf glatten Jumptrails mit massiven Anliegern unterwegs ist, könnte sich mehr Steifigkeit wünschen, aber dort braucht man auch keine sensible Federgabel, welche dir Schläge aufnimmt und Grip bereitstellt.

Besonders praktisch ist das Feature mit der zuschaltbaren Sub Chamber. Wenn ihr mit Nachdruck unterwegs seid und einen dieser Tage habt, an dem ihr jede Linie trefft, dann schaltet diese Kammer zu. Dadurch steht ihr erneut höher im Federweg und habt Reserven, wenn die Schläge auf das Fahrwerk entsprechend härter werden.

Sollte es dann plötzlich regnen oder der nächste Trail rutschig sein, öffnet die Kammer für mehr Grip und eine lineare Kennlinie. Die Gabel wird dadurch abermals mehr Grip bereitstellen und ihr könnt Linien fahren, die ihr nie für möglich gehalten hättet. Ein passend dazu abgestimmter HBO sorgt dafür, dass ihr nie zu tief in den Federweg gezogen werdet, wenn ihr mit offener Sub Chamber auf dem Trail in eine Kompression knallt.

Technischer Bericht 

Ein Spritzschutz an einer Upside-Down-Federgabel ist immer eine Herausforderung. Entweder man hängt ihn in der Größe einer Vollcross direkt unter das Steuerrohr oder konstruiert die Halterung von unten nach oben. Push entschied sich für Letzteres – und für den Fall, dass mal ein Stein seinen Weg nach oben findet, kann sich der Fender aushängen und vermeidet so ein blockiertes Vorderrad. 

Die Bremsleitung wird ebenfalls am Fender eingehängt und kommt ohne zusätzliche Schraube aus. 

Leider ist die Gesamtkonstruktion etwas wackelig – wir mussten das Klappern der Bremsleitung gegen den Fender mit Klebeband verhindern. Wer ohne das Schutzblech unterwegs ist, hat immer Ruhe.

Wie sieht das ideale Anwenderprofil für die Push Nine.One V2 aus?

Braucht es das? Will man das? Wer die Push Nine.One V2 gefahren ist und spüren konnte, was sie leistet, wird beide Fragen mit JA beantworten.

FAZIT

Einzelanfertigung und Custom-Abstimmung bis ins letzte Detail. Eigene Wege mit Sub Chamber und langem HBO. Jeder Parameter ist anpassbar auf noch so individuelle Ansprüche. Customer-Service mit Re-Tune Möglichkeiten, Kundennähe und Garantieverlängerung. Die Push Nine.One V2 setzt sich klar vom Mainstream ab. Hochgradig eigenständig und exklusiv besetzt man eine Nische im Suspension-Markt. Und dennoch – die Dämpfungsqualität und Möglichkeiten für die Anpassung der Kennlinie suchen ihresgleichen. Chef’s Kiss!

Was ist erwähnenswert? Dinge die man bedenken sollte.
  • Anpassungsfähigkeit die einzigartig am Markt ist.
  • Service und Support bietet mehr als andere Hersteller
  • Garantie verlängert sich beim Serice automatisch
  • Grandiose Kennline und Dämpfungsqualität
  • Kannst du danach noch andere Gabeln fahren?
  • Nichts für Leute die nur Jumptrails fahren.

Wie geht es weiter?

Formula Selva V – Wir hatten sie bereits im Test letztes Jahr. Dann kam der Langzeittest und jetzt musste sie sich beim Benchmarking erneut beweisen. Zu schlank und zu leicht oder gerade richtig? Wir waren gespannt!

DU WILLST MEHR TESTS?

 

Autor – Jens Staudt

Größe: 191 cm

Gewicht: 103 kg

Fahrstil: Mit seinem Race-Hintergrund sind die Linien geplant, auch wenn es mal rumpelt. Wenn möglich, werden Passagen übersprungen. Die ganze Breite eines Trails sollte man nutzen. Andere würden sagen – kompromisslos.

Motivation: Ein Produkt sollte sorgenfrei und möglichst lange funktionieren. Wenn man weniger schrauben muss, kann man mehr fahren. Er bastelt gerne und schaut, wie das Bike noch optimiert werden kann.



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Review: Push Industries Nine.One V2