Podcast: TrueBC – Innovation, Carbon und die Kunst des Laufradbaus

Dominik Heinstein ist einer, der in der Mountainbikeszene herumgekommen ist. Jetzt ist er sein eigener Chef bei True BC, baut Laufräder und Rahmen aus Carbon. In diesem Podcast gewährt er tiefe Einblicke in die Welt der Carbon-Felgen, die Entwicklung seiner Laufräder und erklärt, warum jedes Gramm und jeder Faserwinkel seine Berechtigung haben muss.

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Vom Radladen zur eigenen Carbon-Manufaktur

Dominik Heinstein – Gründer und Eigentümer von Truebc

Der Weg in die Fahrradbranche führt selten geradeaus. Dominik, Gründer von True BC, startete klassisch im Fahrradladen, bevor er über Umwege in die Carbon-Produktion rutschte. „Bei einem Cocktailabend hat ein Bekannter gemeint, die suchen jemanden. Das wäre doch was für dich“, erinnert er sich an den Einstieg bei einer deutschen Carbonfirma, die sowohl Motorsport als auch Fahrradteile fertigte. Was als Position für Fahrrad-Know-how begann, entwickelte sich schnell zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Carbon – von der Materialkunde bis zur Fertigung.

Nach Stationen unter anderem bei Ghost reifte die Idee, sich selbstständig zu machen. Der Plan: Laufradbau mit europäischen Produkten. Doch Dominik stieß schnell an Grenzen. „Es gab nahezu keine Felgen für Enduro, Downhill oder anspruchsvolle Trails – zumindest nicht aus Europa. Alles war entweder leicht für Cross-Country oder gar nicht vorhanden.“ Also entschied er: Wenn es das nicht gibt, muss ich es halt machen.

Carbon verstehen: Mehr als nur schwarze Fasern

Wer Carbon hört, denkt an Leichtbau und High-End. Doch der Werkstoff ist komplexer, als es die glänzende Oberfläche vermuten lässt. Dominik erklärt: „Das Problem beim Carbon ist, dass du Materialeigenschaften nicht so einfach bestimmen kannst wie beim Aluminium.“

Während Aluminium-Legierungen vergleichsweise richtungsunabhängige Stabilität bieten, ist Carbon faserrichtungsabhängig. „Eine Carbonfaser ist auf Zug extrem haltbar – aber eben nur in Faserrichtung. Das ist, wie wenn ich fünf Fäden nebeneinanderlege. In Längsrichtung kann ich sie belasten, seitlich ziehen kann ich nicht.“

Die Kunst liegt deshalb im Layup – der Ausrichtung der Fasern je nach Belastungszone. Anders als oft vermutet, entscheidet nicht allein die Wahl einer „High Modulus“-Faser über die Qualität. „Wenn ich einen Rahmen komplett aus Hochmodulfasern baue, bekomme ich keine Dauerhaltbarkeit. Die Faser wäre so spröde, dass sie die Dauerschwingungen nicht übersteht.“

Vom reinen Leichtbau zum durchdachten Gesamtkonzept

Die Entwicklung der Carbon-Felgen hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht. Während früher vor allem eines zählte – möglichst leicht und möglichst steif –, hat sich das Verständnis grundlegend gewandelt. „Eine sehr steife Felge kann bei einem Schlag nicht nachgeben und ist dadurch höheren Belastungen ausgesetzt“, so Dominik.

Heute geht es um den richtigen Kompromiss. Zu viel Flex führt irgendwann zum Kollaps, zu viel Steifigkeit leitet alle Schläge ungefiltert weiter. Die Lösung liegt in durchdachten Konzepten. Bei True BC kommt dafür dieselbe Felgenform in fünf verschiedenen Layups zum Einsatz – vom Cross-Country-Fahrer bis zum Downhill-Einsatz.

Der unterschätzte Faktor: Speichen und ihre Wirkung

Dass Speichen mehr sind als reine Verbindungselemente, zeigt Dominik am Beispiel unterschiedlicher Materialien und Formen. „Die Flexibilität einer Speiche ist das, was wir als Dämpfung im Laufrad spüren.“ Während günstige 2.0-Rundspeichen wenig nachgeben, haben sogenannte Aero- oder Gewebespeichen einen deutlich größeren elastischen Bereich – sie dehnen sich unter Last und formen sich wieder zurück, ohne einen Achter zu verursachen.

Kritisch sieht er Carbon-Speichen im Gravity-Einsatz. „Wenn die Faser direkt auf Zug belastet wird, gibt sie eins zu eins jede Belastung weiter. Keine Dämpfung, dafür höhere Belastungen für Nabe und Felge.“ Bei Tests mit Textilspeichen zeigten sich bis zu 15 Prozent bessere Impact-Eigenschaften allein durch den Speicheneinfluss.

Je nach Einsatzzweck wählt Dominik die Speichen aus

Das Rad als Gesamtsystem

Laufräder sind keine isolierten Komponenten. Sie interagieren mit Rahmen, Fahrergewicht, Fahrstil und sogar dem Reifen. „Jemand mit 100 Kilo braucht einen anderen Aufbau als jemand mit 70 Kilo“, bringt es Dominik auf den Punkt. „Und dann kommt noch der Fahrstil dazu – aggressiv oder smooth.“

Dasselbe gilt für die Geometrie. Länge des Hinterbaus, Lenkwinkel, Tretlagerhöhe – all diese Werte müssen zusammenpassen. „Ich kann nicht einfach den Lenkwinkel immer flacher machen und erwarten, dass das Rad besser wird“, warnt Dominik. „Wenn ich extrem flach werde, muss ich mit der Tretlagerhöhe wieder hoch, um überhaupt Vorderrad-Grip zu bekommen.“

Sein eigenes Projekt, der True Knut, entstand genau aus dieser Überlegung. Kein Extrem-Bike, sondern ein Rad, das zu Hause in den Mittelgebirgen Spaß macht und im Urlaub in den Alpen nicht an Grenzen stößt. „Ich wollte nicht mehr zwischen zwei Rädern wechseln und mich jedes Mal neu eingewöhnen müssen.“

Auch seinen eigenen Rahmen hat Dominik entwickelt und gebaut. Über den TrueKnut haben wir bereits berichtet.

Zwischen Individualität und Wirtschaftlichkeit

Auch wenn Dominik selbst eher auf der leichten Seite vom Fahrergewicht unterwegs ist, weiß er doch um die Bedürfnisse der schweren Piloten.

Die Frage, warum es nicht für jedes Fahrergewicht oder jeden Fahrstil die passende Rahmensteifigkeit gibt, beantwortet Dominik mit einem Blick auf die Realität der Branche: „Selbst bei großen Firmen finanzieren oft S- und XL-Größen die Werkzeugkosten nicht. Wenn ich dann noch verschiedene Steifigkeiten anbieten wollte, wäre die Artikelvielfalt nicht mehr abbildbar.“

Umso wichtiger ist für ihn der direkte Austausch mit Kunden. Wer sich unsicher ist, welches Laufrad das richtige ist, kann sich bei True BC melden. „In einem Gespräch kommen wir dem Ganzen schon relativ nah“, verspricht Dominik – auch wenn das perfekte Setup am Ende immer auch vom Ausprobieren lebt.

Seine Felgen kann man eher als System bezeichnen. Je nach Gewicht kommen mehr Lagen hinzu, die dementsprechend die Steifigkeit und die notwendige Stabilität erhöhen.

Fazit: Verstehen, testen, optimieren

Die zentrale Botschaft des Gesprächs: Mountainbikes sind komplexe Systeme. Wer verstehen will, was zu ihm passt, muss experimentieren. Laufräder, Reifen, Rahmensteifigkeit – all das beeinflusst das Fahrgefühl massiv. „Probieren geht über Studieren“, könnte man zusammenfassen. Oder wie Dominik es formuliert: „Ich kann auch nicht in fünf Minuten am Telefon die perfekte Lösung finden. Aber gemeinsam kommen wir dem Ideal schon sehr nah.“


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