Podcast: Sattkopf – Tour de Odenwald – Zwischen Bikes und Kunst
In diesem TESTPILOT Podcast, ist die Sattkopf Crew zu Gast. Sie haben keinen Sponsor, keinen Verein und keinen offiziellen Auftrag – und trotzdem versammelten sie fast 70 Rider im Odenwald. Die Rede ist von der „Tour der Odenwald“, einem inoffiziellen Freeride-Event, das von dem Kollektiv Sattkopf Productions aus dem Boden gestampft wurde. Wir haben mit Lukas, Yannick und Marten gesprochen – über die Kunst des Selbermachens, die Suche nach dem perfekten Bike und die Frage, warum der beste Spirit oft dort entsteht, wo niemand hinschaut.
Den kompletten TESTPILOT.bike Podcast mit der Sattkopf-Crew könnt ihr entweder hier im Browser oder auf den gängigen Podcast-Plattformen anhören.
Wenn ihr Spotify oder Apple Podcast, nutzt könnt ihr dort auch direkt ein Abo einstellen. Das macht es einfacher, wenn ihr den Podcast im Auto anhören wollt.
Die Zahl ist beeindruckend: 69 Rider stehen auf einem Hügel im Odenwald, bereit, sich über selbstgebaute Skinnies, Rockslabs und andere „Features on the edge“ eine ausgedehnte Session zu fahren. Dazu gesellen sich Freunde, Fotografen, Neugierige – und irgendjemand hat auch Bier dabei.
Was sich anhört wie ein offizielles Event mit minutiöser Planung und Zeitplan, ist in Wahrheit das Gegenteil: eine WhatsApp-Gruppe, viel Eigeninitiative und der Wille, gemeinsam etwas zu erschaffen.
Kapitel 1: Die Sattköpfe
Bevor wir in die Gegenwart eintauchen, lohnt ein Blick zurück. Denn die „Tour der Odenwald“ ist kein Zufallsprodukt, sondern die logische Konsequenz einer langen Reise. „Es war 2011, ein Schulprojekt, wir brauchten für ein Kunstvideo einen Namen“, erinnert sich Lukas. Die Siebtklässler drehten ihr erstes Mountainbike-Video in Weinheim – und der Name kam, wie so oft im Leben, eher unfreiwillig. „Einige von uns waren morgens ziemlich – satt im Kopf. Und dann hieß es immer: ‚Die sind alle satt, die Köpfe.‘ Daraus wurden die Sattköpfe.“ Eine Hommage an die 7a, Klasse 2011.
Was folgte, war ein Projekt mit massiv motivierten 14-Jährigen. Mit Johannes und Patrick an der Spitze bauten sie eine Cablecam, wie man sie aus dem Fußball kennt: zwei Fernsteuerungen, eine für die Kamera, eine für den Schlitten, ein Gimbal, das sich in alle Richtungen bewegen ließ. „Damit sind wir im Wald rumgelaufen und haben aufgenommen“, sagt Lukas. Schon damals gab es Merchandise – T-Shirts von einer Webseite, die nur auf der Rückseite Werbung trugen. „Kennt ihr noch?“, fragt Lukas in die Runde. Yannick nickt: „Das hab ich noch zu Hause rumliegen.“ Die Anfänge von Sattkopf Productions waren gelegt.
Youtube Channel: Sattkopf Productions
Kapitel 2: Vom Geist der North Shore in den Odenwald
Die Idee zur „Tour der Odenwald“ kam Marten auf einer Kanada-Reise. 2024 war er ein halbes Jahr in Vancouver, Squamish und Whistler unterwegs – der Geburtsstätte des Freeride, wo Skinnies und Rockslabs zum Inventar gehören wie der teilweise unberührte alte Wald. „Da sind wir viele so Features gefahren und ich dachte mir: Das müssen wir auch in Deutschland machen“, erzählt Marten. Auch der Name ist nicht uninspiriert vom kanadischen Vorbild, der Tour de Gnar.
Zurück in der Heimat, war die Gelegenheit günstig. Lukas, der inzwischen in Innsbruck lebt, war zu Besuch. Gemeinsam standen sie an einem Hang, umgeben von Granitsteinen. „Lass uns Skinnies bauen, provisorische Landings hochziehen und gucken, dass wir so viele Jungs wie möglich an den Start bekommen.“ Die Idee war simpel: kein Wettkampf, keine Jury, einfach nur fahren, kreativ sein, Spaß haben. „Ich dachte, im Worst Case werden wir vielleicht 10, 15 Leute“, sagt Marten. „Im Best Case vielleicht 25, 30.“ Es wurden 68. Plus Leon. 69.
Der Termin war bewusst gewählt: Mitte Januar, nach den Spanienreisen der Rider, wenn alle wieder in Deutschland sind, Bock haben und das Wetter mitspielt. „Ich hab im Dezember schon vielen Jungs geschrieben, die Bock drauf haben könnten“, so Marten. Das Ergebnis war ein Youtube-Video, das eine Stimmung einfängt, die an die ersten NWD und Kranked-Videos erinnert.
Kapitel 3: „Wir sind kein Verein“ – Der Charme des Unorganisierten
In Deutschland ist vieles geregelt. Wer etwas auf die Beine stellen will, gründet einen Verein, klärt Haftungsfragen, beantragt Genehmigungen. Die Sattkopf-Crew macht das Gegenteil. „Das lebt ein bisschen von dem Nichtoffiziellen“, bestätigt Yannick. „Diese Spontanität und Flexibilität – wenn wir sagen, Samstag Session, Cash for Tricks, whatever – dann ist das ohne die ganzen Hürden möglich.“
Das heißt nicht, dass sie prinzipiell etwas gegen Vereine haben. Yannick ist selbst im Trailpark Waldsee in Bohnzweier aktiv, einer legalen Infrastruktur, die ohne Verein nicht existieren würde. „Aber alles, was außerhalb organisiert wird, wie die Tour der Odenwald, funktioniert über die offizielle Schiene gar nicht.“ Es ist ein schmaler Grat zwischen Kreativität und Legalität, zwischen Underground und Öffentlichkeit. Lukas bringt es auf den Punkt: „Jeder kann kommen, jeder kann mitfahren. Wir sagen nicht: ‚Du musst eingeladen sein‘ oder ‚Du musst dich qualifizieren‘. Das ist der große Unterschied zu offiziellen Events wie zum Beispiel Rampage.“
Die Gruppe, die sich über die Jahre gefunden hat, ist ein loses Kollektiv mit klaren Nischen. Manche sehen ihren Fokus auf Biken und Tricks, andere entwickeln sich an der Kamera weiter, wieder andere organisieren dann das Bier von der Brauerei. „Es gibt Leute, die haben gar nichts mit Fahrradfahren am Hut, haben aber so Lust, dabei zu sein“, sagt Lukas. „Wie Cleo, die einfach immer mitorganisiert.“ Diese Durchmischung macht den Reiz aus. Es geht nicht um Leistung, sondern um Gemeinschaft. Yannick ergänzt: „Jeder, der kommt, muss nicht fahren, und komme, was wolle. Es geht darum, im Wald zu sein und eine chillige Zeit zu haben.“
Kapitel 4: Die Bike-Frage – Warum 26-Zoll-Bikes plötzlich wieder das Ding sind
Wenn man sich die Bilder der „Tour der Odenwald“ ansieht, fällt eines auf: Hier fährt niemand das neueste 29-Zoll-Carbon-Bike oder E-Bike mit Preisen jenseits der 10K-Marke. Die Räder sind kurz, wendig, oft gebraucht – und nicht selten sogar mit 26 Zoll unterwegs. „Das geht schon wieder Richtung kleinere Räder, bisschen ältere Rahmen“, beschreibt Yannick den Trend. „Der muss nicht superleicht sein, der muss klein sein, vor allem kurz. Dass man ein bisschen mehr Flexibilität hat.“
Marten, der sich selbst zwei neue (gebrauchte) Bikes zugelegt hat – ein Demo und ein altes Transition –, formuliert es noch deutlicher: „Ich hab mir auch neue Bikes angeguckt, aber da taugt mir nix so richtig. Enduro, was nicht 29 Zoll hat, gibt‘s sowieso nicht.“ Er sieht eine Marktlücke: „Da wäre eigentlich Bedarf an so einem New-School-Old-School-Freeride-Bike.“ Die Industrie, so die Analyse, fokussiert sich auf das zahlungskräftige Publikum, den Familienvater mit E-Bike. „Wenn du drei, vier Räder am Start hast und jedes Wochenende geht was kaputt, willst du nicht immer 4000 Euro ausgeben“, sagt Yannick. „Da guckst du, dass du auf gebrauchte Räder gehst.“
Das bedeutet nicht, dass die Jungs gegen Innovation sind. Aber sie wünschen sich Simplizität und Haltbarkeit. Keine Bluetooth-Schaltung, keine hydraulische Sattelstütze, die im falschen Moment versagt. Einfach ein Rad, das hält, was es verspricht. „Simpel, robust, nicht nur auf leichte Effizienz getrimmt“, fasst Yannick zusammen. Und dann ist da noch die Geschichte von Sebi, der sich einen Capra kaufte, um Flip Whips zu machen – und den Rahmen vier- oder fünfmal tauschen ließ, weil er immer wieder brach. „Das Fahrrad war überhaupt nicht dafür gebaut“, sagt Lukas. Eine Marktlücke, die noch auf Brands zu warten scheint.
Kapitel 5: Kunst, Kreativität und ein Platz zum Ausleben
Mountainbiken ist für die Sattkopf-Crew mehr als Sport. Es ist Lifestyle, Kreativität – und manchmal sogar Kunst. Marten, der Kunst studiert, sieht eine klare Schnittstelle: „Natürlich steht die Leistung im Vordergrund, aber es geht auch darum, wie man sich kleidet, was man für Bikes fährt. Ein Lifestyle-Statement, das sich klar vom Racing absetzt.“
Den vielleicht deutlichsten Ausdruck fand diese Haltung in einer Ausstellung in Mannheim. Über Weihnachten, für einen einzigen Tag, verwandelte die Crew ein altes Fabrikgebäude in eine Galerie. „Ich orientiere mich an der Skaterszene“, erklärt Lukas. „Da gibt es oft Events, wo Fahrer sich gegenseitig judgen, offene Sessions. Und dann gibt es Ausstellungen mit Fotografien.“ Die Idee: Eigene Bilder der letzten zehn Jahre rausholen, einrahmen, zeigen. Mithilfe von Kontakten aus dem Kunststudium fanden sie ein Atelier – und dann sagte das erste ab. Drei, vier Tage vorher kam die Zusage von einem zweiten. „Wir hatten keine Ahnung, wer das ist, wir gehen da jetzt hin“, lacht Lukas. Zehn Leute, sechs Stunden, und der Raum war verwandelt. Über 100 Besucher kamen.
Das Coolste daran? Die Ausstellung zog nicht nur Biker an. „Es waren Leute da, die sahen für mich wirklich aus wie Künstler“, sagt Lukas. „Und Lehrer, die fragten: ‚Was war eure Intention bei dem Bild? Warum ist es schwarz-weiß?‘“ Genau diese Schnittstelle begeistert die Crew. Und es bleibt nicht dabei: Eine halbe Stunde vor unserem Telefonat rief die Kuratorin an. Sie will im Mai eine Dauerausstellung mit den Sattkopf-Bildern machen. „Ein Hinterhof, Fabrikgebäude im Hafenviertel – richtige Underground-Vibes.“
Parallel dazu produzieren sie seit Jahren eigene Magazine. Gedruckt, analog, zum Anfassen. „Einfach irgendwas zu haben, was nicht digital ist“, sagt Marten. Die Hefte sind voller Insider-Witze, Kochrezepte, Sauf-Eskapaden – und manchmal nur einer Seite mit lauter Zs und Ks, die die Geräusche des lokalen Baggers simulieren sollen. „Das ist nicht auf Profit ausgelegt“, betont Lukas. „Jedes Magazin geht auf null auf null auf. Hauptsache, wir machen nichts drauf.“ Yannick ergänzt: „Das ist das Coolste überhaupt. In zehn Jahren guckt man sich das an und denkt: ‚What the f_ck, das war die geilste Zeit!‘“
Inspiration zieht Marten von den großen kanadischen Douglasien an der West coast, seiner Zeit in der Natur oder auch den Waldbränden in Kanada, die während seinem Aufenthalt wüteten. @martenhunsicker
Kapitel 6: Zwischen Leidenschaft und Profession
Irgendwann im Gespräch kommt die Frage auf, die sich jeder irgendwann stellt: Könnte man davon leben? Vom Biken, vom Filmen, vom Organisieren? Die Antworten sind überraschend nüchtern. „Schwierige Frage“, sagt Yannick. „Es hängt davon ab, wie dieses Konzept ‚professionell‘ aussieht. Sobald ein externer Anreiz dazukommt – Geld, Reichweite – verändert das den Charakter.“
Lukas, der inzwischen Zahnmedizin studiert, hat sich bewusst dagegen entschieden. „Ich hab mir alles selber beigebracht, weil ich wusste, so muss der Film am Ende aussehen. Learning by Doing. Aber wenn ich den ganzen Tag nur in der Post-Production hänge, hab ich irgendwann keinen Bock mehr, mir im Urlaub Fotos anzuschauen.“ Er erzählt von einem Dreh in Mexiko mit Darren Berrecloth, damals frisch gebackener Vater.
„Der hat es gehasst, da zu sein. Er wollte bei seiner Familie sein. Und wir dachten: ‚Alter, wir sind in Mexiko, übelst geil!‘ Da hab ich kapiert: Es gibt vielleicht noch andere Sachen im Leben.“
Die Jungs beobachten, wie sich die Branche verändert. Weg von den großen Filmen, hin zu Social Media, Zehn-Sekunden-Clips, schnellen Trends. „Es geht leider nicht mehr darum, wer richtig krass fährt“, sagt Marten. „Sondern wer hat das dickste YouTube-Video?“ Die Industrie reagiere darauf, weil sie müsse. „Warum soll ich als Firma einen Haufen Geld in eine Filmproduktion stecken, die einmal im Jahr rauskommt, wenn ich mit zehn kurzen Clips zehnmal so viele Leute erreiche?“, fragt Lukas. Er versteht es, auch wenn er es schade findet.
Umso wichtiger ist ihnen das Analoge, das Langsame, das Haptische. Die Magazine, die Ausstellungen, die gemeinsamen Filmpremieren in der Brauerei. „Wenn wir einen Film rausbringen, dann ist das ein 20-Minuten-Movie, den wir zusammen feiern“, sagt Lukas. „20 Leute zu sehen, die sich freuen, ist für mich mehr wert als 2000 Aufrufe, wo ich nicht weiß: Sitzen die grade auf dem Klo oder lachen sie wirklich?“
Kapitel 7: Ausblick – Eine Zukunft für die Nische?
Was also bleibt? Die „Tour der Odenwald“ war ein Erfolg, aber sie soll keine Massenbewegung werden. „Das kann es auch gar nicht“, sagt Marten. „Wenn jede Woche irgendwo 300 Jungs im Wald stehen und den halben Wald umgraben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass irgendwas passiert. Oder dass es einfach zu viel wird.“ Es ist der schmale Grat zwischen Wachstum und Überregulierung, den die Szene seit Jahrzehnten kennt.
Die Jungs wünschen sich mehr Wertschätzung für das Handgemachte. Mehr Infrastruktur, die nicht nur aus Asphalt-Pumptracks für Kinder besteht, sondern auch anspruchsvolle Lines für Fortgeschrittene bietet. „Jede Stadt baut gerade neue Pumptracks, aber wann baut man mal wieder Bikeparks, die wirklich fordern?“, fragt Lukas. Er träumt von einem Modell wie in der Skiindustrie, wo Salomon einer Crew volle Freiheit gibt: „Hier, macht einen eigenen Film, baut ein Bike, produziert, was ihr wollt – aus der Szene für die Szene.“
Ob sie dafür Geld von der Industrie annehmen würden? Die Antwort ist typisch für die Sattkopf-Crew: vorsichtig, aber nicht prinzipienfest. „Es ist die Frage, wie viele Verpflichtungen hinten dran sind“, sagt Lukas. „Wenn eine Firma sagt: ‚Macht, was ihr wollt, hier ist das Budget‘ – dann gerne. Aber wenn sie reinredet, wird‘s schwierig.“ Marten ergänzt: „Es braucht nicht primär Geld, sondern die richtige Art von Aufmerksamkeit. Leute, die das zu schätzen wissen. Die dann auch Bock haben, zu Events zu kommen.“ Yannick nickt: „Plattform, Connection, Reichweite – das ist genauso viel wert.“
Epilog: Der dritte Ort
Es gibt dieses Konzept vom „dritten Platz“. Nicht Zuhause, nicht Arbeit oder Schule, sondern ein Ort, an dem man einfach sein kann. Für die Sattkopf-Crew ist das der Wald. Oder der Hang mit den selbstgebauten Skinnies. Oder die Brauerei, in der sie ihre Filmpremieren feiern. Ein Ort, an dem man sich kreativ ausleben kann, ohne Zwang, ohne Erwartungen.
Als wir das Gespräch beenden, erzählt Lukas noch eine letzte Geschichte. Bei einer Premiere in der Brauerei, zur Zeit des 9-Euro-Tickets, kam ein Schüler aus München. Sieben Stunden Zugfahrt, nur um dabei zu sein. Nachts fuhr er wieder zurück. „Einfach, weil er Bock drauf hatte“, sagt Lukas. „Geiler Typ.“
Vielleicht ist das die beste Zusammenfassung der Sattkopf-Philosophie: Machen, weil man Bock hat. Ohne Verein, ohne Sponsoren, ohne großen Plan. Einfach machen. Und wenn dann 69 Freunde kommen – oder einer aus München –, dann weiß man: Es war richtig.
Für alle, die mehr sehen wollen: Die Sattkopf-Crew ist immer offen für neue Gesichter. Ob bei der nächsten „Tour der Odenwald“, einer Ausstellung oder einfach nur zum Quatschen im Wald – die Kontaktdaten und Links zu den selbstgemachten Magazinen gibt‘s auf Anfrage. Oder einfach mal vorbeikommen in Heidelberg und Umgebung. Die Jungs freuen sich.

