Ein 32-Zoll-Experiment: Das Alutech e-Pelmo im First-Ride

Wer dachte, die Diskussionen um Laufradgrößen seien mit der Etablierung des Mullet-Setups (29" vorn, 27,5" hinten) endgültig abgeschlossen, wird von der aktuellen Entwicklung eingeholt. Bereits bei unserem Podcast-Vorgespräch in Freiburg erlaubte uns Jürgen Schlender, Chef von Alutech, eine kleine Testrunde auf dem Parkplatz. Mit dem Ausblick auf einen ausführlichen Test bei den Green Days war der Termin gesetzt.

Es stand der erste reale Test unter realen Bedingungen an: auf dem technisch anspruchsvollen, staubtrockenen und stellenweise mit Staub gepuderten Bunker Trail am Reschenpass. Das Testobjekt: Das Alutech ePelmo 32-27.5 – ein „Super-Super-Mullet“ mit einem 32-Zoll-Vorderrad und einem klassischen 27,5-Zoll-Hinterrad. 

In diesem Artikel nehmen wir euch mit auf den ersten Testride in Videoform, live kommentiert. Zusätzlich findet ihr das Nachgespräch mit Jürgen und Jens weiter unten und die grundsätzlichen Punkte, über die man beim Thema 32-Zoll nachdenken sollte. Oder um es mit Jürgens Worten zu sagen:

„Wir stehen mit der Laufradgröße erst am Anfang…“
– Jürgen Schlender

Video: First Ride

Video: Nachgespräch mit Jürgen von Alutech

Alutech nimmt eine experimentierfreudige Vorreiterrolle ein. Vom Pelmo hat Jürgen einige Varianten geschweißt. Einmal als reguläres Mountainbike und einmal mit dem hauseigenen 120-Nm-Motor. Fahrbar war in Nauders nur die E-Variante. Diese hatte an der Front 29" vorn und am Heck 27,5". Federweg gabs 170 am Heck und 150 an der Front. Jep – asymmetrisch. Die Variante ohne Motor bietet 170/170 mm. Alle Federgabeln verfügten über 15-mm-Steckachsen. Jürgen hat auch eine weitere Option im Betrieb. Dort kann er über Inserts 15- oder 20-mm-Achsen nutzen.

Bei den Felgen wird es aktuell noch sehr leicht. Eigentlich sind es XC-Felgen. Man ist aktuell eben auf das angewiesen, was es in dieser Größe gibt. Reifen? Ein Maxxis ohne Label.

Alutech ePelmo. Später mit 170 mm Federweg, Motor und Super-Mega-Mullet. 32/27,5 Zoll.

In der Mountainbike-Variante stellt Alutech das Pelmo-Experiment auf 32/29. Fast schon normal wirkt es hier. Ein flacher Lenker hilft, die Front nicht in den Himmel ragen zu lassen.

1. Die Physik des Riesenrads: Ein veränderter Angriffswinkel

Im Fahrvideo kommentiert Jens live seine ersten Eindrücke. Später beleuchten er und Jürgen die 32-Zoll-Entwicklung ganzheitlich und erklären, warum wir erst am Anfang stehen.

Optisch sprengt das 32-Zoll-Vorderrad die Sehgewohnheiten im Mountainbike-Bereich vollständig. Für viele somit schon ein absolutes No-Go! Aber es gibt unterschiedlich große Menschen, und über 191 cm stimmen die Proportionen wieder. Zusätzlich zeigt sich auf dem Trail sofort der physikalische Vorteil: Der Angriffswinkel, mit dem der Reifen auf Hindernisse trifft, flacht drastisch ab. Das Überrollverhalten im groben Steinfeld des Bunker Trails ist phänomenal; das Rad generiert eine enorme Laufruhe über Steine, Wurzeln und Stufen.

Diese Dimensionen bringen jedoch eine veränderte Dynamik mit sich. Wie schon beim Switch von 26 auf 27,5 oder auch 29 Zoll muss man sich als Pilot an ein neues Lenkverhalten anpassen. Gleichzeitig steigen die Kreiselkräfte mit dem größeren (schwereren) Vorderrad. Anfangs ungewohnt, aber nicht unmöglich. 

Interessant ist das geänderte Timing. Wer den Switch auf die diversen größeren Laufradgrößen mitgemacht hat und Bikes auch gerne mal über Sprünge schickt, kennt das Absprung-Radius-Thema. Nicht nur der Radstand, auch die Laufräder fühlen sich anders an, wenn man durch Wellen fährt oder eben über einen Absprung. Das Frontend vermittelt dem Fahrer das Gefühl, sich in Senken oder auf Sprüngen eher entgegenzubewegen.

In Summe unterscheidet sich das gesamte Fahrverhalten an der Front von einem 29-Zoll-Laufrad in diversen kleinen Parametern und erfordert eine entsprechende Anpassung der eigenen Körperposition wie auch der Fahrdynamik. Dennoch gelingt das besser als gedacht, denn ins Heck vom getesteten ePelmo packte Jürgen eben nicht ein Laufrad in nur einer Stufe kleiner. „Super-Super-Mullet“ nennt er die Paarung von 32 und 27,5 Zoll. Ob die Variante mit 32 und 29 die bessere Wahl ist? Auch nach dem Test ging die Meinung von verschiedenen Fahrern auseinander. Mehr Testen und Vergleichen sollte hier in Zukunft Antworten bringen.

Auf jeden Fall optisch ein Match. Jens mit 191 cm und 32 an der Front.

2. Das Flex-Dilemma: Kontrollierte Nachgiebigkeit statt maximaler Steifigkeit

In den vergangenen Jahren galt in der Rahmen- und Komponentenentwicklung maximale Steifigkeit (Stiffness-to-Weight) als das oberste Ziel. Das 32-Zoll-Konzept wirft hier neue Fragen auf. Bei harten Bremsungen in verblockten Passagen arbeitet das Gesamtsystem spürbar – eine Charakteristik, die Jürgen Schlender im Gespräch mit historischen Parallelen wie den alten Hanebrink-Gabeln vergleicht.

Zwar verfügt eine langhubigere Intend-Gabel in Jürgens eigenem Testbike (nicht in unserem getesteten ePelmo) bereits über eine Option auf 20-mm-Steckachse, doch die mechanischen Hebelwege einer langen Gabel und die langen Speichen des 32-Zoll-Rades bringen systemimmanenten Flex mit sich.

Nach dem Testride und dem sich den Weg schlängelnden Vorderrad stellte man sich die entscheidende Frage: Ist absolute Steifigkeit an dieser Stelle überhaupt erstrebenswert? In extremen Fahrsituationen, wenn es Schläge aus allen Richtungen hagelt verwindet sich die Front. Dadurch filtert es auch gewisse Dinge heraus, bevor sie am Lenker ankommen. Dennoch hatte Jens mit Armpump zu kämpfen. Eine stärkere Bremse als Lösung? Die eigenen Griffe? Erfordert das Verwinden des Laufrades bei Schlägen mehr Korrekturbewegungen? Gleichzeitig filtert das Gesamtsystem aber auch gewisses Trailfeedback heraus.

Ähnlich wie im Skibau, wo ein zu starrer Ski unfahrbar wird, muss auch hier das optimale Verhältnis zwischen Dynamik und Präzision neu definiert werden. Im getesteten ePelmo steckte die Intend 32″ mit 15-mm-Achse und 15 cm Federweg. Bewegt sich die Gabel beim Anbremsen und in Steinfeldern? Ja. Ist das schlecht? Es fällt nicht negativ auf und genau hier ist die gesamte Branche offener geworden. Steifigkeit, passend zum Einsatzzweck. 

3. Geometrische Herausforderungen: Balance und Lastverteilung

Ein 32-Zoll-Vorderrad lässt sich nicht ohne entsprechende Modifikationen in alle bestehende Geometriekonzepte integrieren. Da das Steuerrohr durch den großen Raddurchmesser stark angehoben wird, wandert das Cockpit zwangsläufig nach oben. Um dennoch ausreichend Druck auf die Front zu bekommen, war am Testbike ein Flatbar von SQlab mit 0 mm Rise montiert.

Zwar mag Yannick hohe Fronten aber selbst mit Flatbar war es hier grenzwertig.

Das Fahrverhalten ist durch eine starke Asymmetrie geprägt: Während das 32-Zoll-Rad an der Front die Spur hält und schier endlos Grip durch das größere Kontakt-Patch liefert, agiert das kleine 27,5-Zoll-Hinterrad immer noch sehr agil und hilft dabei dem Bike kein Laster-Feeling zu verpassen. Das Vorderrad gleitet über Hindernisse hinweg, während das Heck in tiefen Löchern deutlich härtere Schläge an den Fahrer weitergibt.

Um diese Disbalance auszugleichen, experimentiert Alutech bereits mit austauschbaren Ausfallenden und modifizierten, längeren Hinterbauten. Die Frage, ob ein kürzerer Reach in Kombination mit einem längeren Heck die Lösung bringt, zeigt, dass die geometrische Gleichung dieses Konzepts noch viele Unbekannte enthält.

Wendigkeit gibt es immer noch mehr als ausreichend. Versemmelte Linien lassen sich agil korrigieren und das kleine Hinterrad kann schnell kippen und in Kurven pushen. Vielleicht gilt das nicht unbedingt für jede Fahrergröße und jeden Einsatzzweck, aber wir werden weiter testen.

4. Extreme Hebelkräfte auf die Bremsanlage

Ein im wahrsten Sinne des Wortes spannender Aspekt zeigte sich auf den steilen Highspeed-Passagen des Reschenpasses. Der größere Raddurchmesser verlängert den Hebelarm, der mechanisch auf die Nabe und damit auf die Bremsanlage wirkt, signifikant. Beim harten Anbremsen vor Kehren wird deutlich, welche enormen Kräfte auf die Bremsscheibe übertragen werden. Für den dauerhaften Einsatz eines solchen Setups im Gravity-Bereich oder mit schweren Piloten stoßen aktuelle Standardkomponenten schnell an ihre thermischen und mechanischen Grenzen; hier werden in Zukunft massivere Scheiben notwendig sein.

5. Die Barriere der Serienproduktion

Unsere größte Hürde für das 32-Zoll-Projekt liegt derzeit nicht in der Rahmenkonstruktion, sondern in der Verfügbarkeit passender Komponenten. Die Nische hängt vollständig am Tropf der Zulieferindustrie. Große Hersteller von Federgabeln und Reifen limitieren das Thema bislang auf maximale Federwege von 120 mm bis 140 mm und verorten es eher im Cross-Country- oder Gravel-Bereich.

Dass im Gravity-Sektor dennoch Potenzial vorhanden ist, beweisen Individualisten wie Downhill-Pro Neko Mulally, der für Testzwecke das Casting einer Fox 40 eigenhändig modifizierte, um ein 32-Zoll-Laufrad unter Weltcup-Bedingungen zu testen. Jürgen ist fest davon überzeugt, dass, sobald solche Prototypen messbare Erfolge auf den Rennstrecken erzielen, der Druck auf die Industrie wachsen dürfte. Immerhin gewann Neko das Sea Otter Downhill mit einem 32er-Vorderrad.

Eine ähnliche Dynamik, Akzeptanz durch Rennsiege, gab es bereits beim Wechsel auf 29 Zoll im Downhill. Auch hier bewies Alutech mit dem Sennes schon Innovationswille.

Wo wir landen werden mit dem Gesamtgewicht, wenn man 32-Zoll alleine schon im Enduro-Segment etablieren möchte, ist unklar. Der Winkel der Speichen wird jetzt schon grenzwertig flach. Mehr Speichen, höhere Flansche an den Naben oder eine neue Achsbreite? Die Bikebranche trägt manchmal seltsame Früchte. Ein zu hohes Gewicht für Federgabel, Laufrad und Reifen könnte die Innovation bremsen.

Fazit: Ein Konzept mit Zukunftspotenzial

Man hätte es sich leicht machen und das Alutech ePelmo 32-27,5 als bloßen Marketing-Gag abtun können. Damit läge man falsch. Es ist ein ernstzunehmendes, hoch spannendes Stück Bike-Evolution. Zwar zwingt es den Fahrer, vertraute Brems- und Einlenkpunkte und die Fahrdynamik neu (fein) zu justieren, aber man bekommt im Umkehrschluss auch viele positive Aspekte. 

Ob sich 32 Zoll im Gravity-Bereich langfristig etablieren können, hängt maßgeblich von der Bereitschaft der Komponentenhersteller ab, dedizierte Bauteile zu liefern. Dass der Markt dafür existiert, zeigen die ersten Vorbestellungen bei Alutech, die bereits vor der Auslieferung der ersten Serienrahmen eingegangen sind. Die Entwicklung steht erst am Anfang, aber sie zeigt eindrucksvoll, dass die Grenzen des Machbaren im Mountainbike-Bau noch nicht final ausgelotet sind.

Am Ende stehen eine weitere Spielart von Mountainbikes und vielleicht auch passende Fahrräder für große Menschen.


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