Podcast: Radial-Revolution – Produktmanager Carl Kämper von Schwalbe erklärt es im Deep-Dive
Reifen wurden auf dem Mountainbike lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Während elektronische Fahrwerke, komplexe Carbon-Layups und ausgefeilte Geometrien den Sport revolutionierten, schien die schwarze Gummihülle stagniert zu sein. Im Hintergrund reifte jedoch eine Technologie heran, die das Fahrgefühl grundlegend veränderte. Im Podcast gewährt Schwalbe-Produktmanager Carl Kämper einen tiefen Einblick in die Entwicklung moderner Reifen und erklärt, wie aus einem Experiment auf der Strecke eine echte Materialrevolution wurde, was wirklich Grip bringt und warum ein weiches Gummi alleine nicht zielführend ist.
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Die Ausgangslage: Warum Reifenentwicklung lange stagnierte
Platten und Durchschläge gehören im Downhill-World-Cup trotz hoch entwickelter Bikes nach wie vor zum Alltag. Um dem entgegenzuwirken, wurden Karkassen in der Vergangenheit extrem aufgedickt. Reifengewichte stiegen und knackten dabei sogar die 1,5‑kg-Marke oder man verfolgte komplexe Zweikammersysteme als Lösung. Von Reifen-Inserts brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Sinnvoll für Profis und harte Hacker, aber aufwendig bei der Installation, und wehe, man hat unterwegs trotzdem einen Platten … Auch Schwalbe trieb diverse Ideen voran. Man denke nur an das Procore-System mit dem zweiten Schlauch, um zwei Luftdrücke in einem Reifen nutzen zu können. All diese Lösungsansätze brachten Nachteile bei Komplexität, komplizierter Fahrdynamik, Gewicht und Fahrverhalten mit sich. Wie könnte man all das weniger komplex lösen?
Das Kernproblem lag im Luftdruck. Luft ist als Medium quasi kostenlos und präzise steuerbar, um den Durchschlagschutz zu regeln. Wird der Druck jedoch erhöht, leidet die Anpassungsfähigkeit und der Grip des Reifens spürbar. Es galt also, einen Weg zu finden, hohen Durchschlagschutz mit maximaler Traktion zu vereinen.
Die Radial-Revolution: Technologietransfer für maximale Anpassung
Die Lösung fand Schwalbe über einen Technologietransfer aus dem Trial-Moped-Bereich: die Radialkarkasse. Bei klassischen Diagonalkarkassen kreuzen sich die Gewebefäden in einem 45-Grad-Winkel, wodurch sie sich unter Spannung gegenseitig versteifen. Bei der Radialkarkasse verlaufen die Fäden in einem deutlich stumpferen Winkel von Wulst zu Wulst. Über den exakten Winkel schweigt man sich aus bei Schwalbe.
Letztendlich sorgt das Design dafür, dass sich der Reifen auf unebenem Untergrund deutlich besser anpassen kann. Während sich ein konventioneller Reifen auf Hindernissen wie Wurzeln oder Steinkanten abhebt und Kontaktfläche verliert, schmiegt sich der Radialreifen um die Unebenheiten. Die effektive Auflagefläche vergrößert sich bei gleichem Luftdruck um bis zu 30 Prozent. Das erlaubt, einen Reifen, mit deutlich höherem Druck zu fahren, ohne Abstriche beim Grip oder Pannenschutz machen zu müssen.
Bei unserem großen Radial- vs. Diagonal-Vergleichstest haben wir die erste Generation des Radialreifens mit Gravity-Casing ausführlich gegen das bekannte diagonale Gravity-Casing getestet.
Links: der klassische 45°-Winkel von Schwalbe / Rechts: Schwalbes radialer Winkel – näher an 90° als an 45°
Eine Gegenüberstellung von der Schwalbe-Webseite, die die größere Kontaktfläche bei gleichem Luftdruck im Vergleich zeigt.
Struktur im Produktdschungel: Neuausrichtung der Produktlinien
Im Zuge der neuen Technologie hat Schwalbe auch das gesamte Sortiment radikal aufgeräumt. Komplizierte Hersteller-Lingo weicht einer klaren Aufteilung nach Einsatzzweck und Karkassenaufbau. Unter den Bezeichnungen „Race“, „Trail“ und „Gravity“ finden Biker sofort die passende Konstruktion für ihren Einsatzbereich.
Zusätzlich wird differenziert zwischen der Pro-Line für kompromisslose Wettkampf-Performance und der Schwalbe-Line. Letztere setzt auf robuste/dickere Gummi-Seitenwände und bietet Haltbarkeit sowie soliden Grip zu einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis.
Alle Neuerungen findet ihr in diesem Vorstellungsartikel.
Auch die Seitenflanken-Bezeichnung bekommt ein Update. Die Familie des Casings (Gravity, Trail oder Race) steht groß im Vordergrund, der Rest klein dahinter.
Profil-Evolution: Wechsel zu neuen Namens- und Profilkonzepten
Mit der neuen Gravity-Karkassentechnologie wurden auch viele Profilformen neu gedacht. Bekannte Klassiker wie die Big Betty oder der Hans Dampf wurden in den Ruhestand geschickt.
An ihre Stelle treten moderne Profilgenerationen wie der Tacky Chan sowie der neu entwickelte Romy. Diese Profile wurden von Grund auf so gezeichnet, dass sie das Verformungsverhalten der Radialkarkasse optimal nutzen und Führung mit hoher Selbstreinigung verbinden.
Alle Neuerungen findet ihr in diesem Vorstellungsartikel.
Den Tacky Chan gab es bisher als reinen diagonalen Reifen. Mit dem Einzug in die radiale Familie bekam er ein separates Radial-Profil – angepasst auf die speziellen Anforderungen und höhere Verformung.
Die Wissenschaft der Gummimischungen: Compounds und Messverfahren
In der Entwicklung spielt auch die Chemie der Gummimischungen eine zentrale Rolle. Die klassische Shore-Härte (man erinnere sich an 50a oder 60a), die lediglich den Eindringwiderstand misst, greift im modernen Reifenbau zu kurz. Faktoren wie das Dämpfungsverhalten, die Rückstellgeschwindigkeit des Gummis und die Temperaturstabilität sind für den realen Grip auf dem Trail wesentlich entscheidender.
Bei Gravity-Radialreifen setzt Schwalbe zudem verstärkt auf homogene Single-Compounds. Dies verhindert, dass beim tiefen Einlenken ein abrupter Härteunterschied an den Schulterstollen entsteht, was das Fahrverhalten unberechenbar machen würde. Auch beim Rollwiderstand zeigt sich die Praxisüberlegenheit: Zwar schneiden weiche Mischungen auf starren Laborprüfständen schlechter ab, doch auf dem Trail absorbieren sie Schläge so gut, dass der Vorwärtsdrang spürbar erhalten bleibt.
Nachhaltigkeit im Reifenbau: Pyrolyse und Recycling
Neben reiner Performance rückt die Nachhaltigkeit immer stärker in den Fokus der Entwicklung. Über ein Pyrolyseverfahren werden gebrauchte Altreifen unter Sauerstoffausschluss thermisch in ihre Bestandteile zerlegt.
Das dabei zurückgewonnene Recovered Carbon Black ersetzt fossilen Industrieruß bei der Neuproduktion. Damit gelingt es, den Wertstoffkreislauf im Reifenbau nachhaltig zu schließen und den ökologischen Fußabdruck moderner Mountainbike-Reifen deutlich zu reduzieren.

